Der Mandelbaum soll wieder Blüten tragen. So hat Gerlind Schwöbel vor fünf Jahren ihre Erinnerungen an 200 Jahre Philanthropin in Frankfurt genannt. Der Titel kommt spontan in den Sinn vor der frisch renovierten, hellbeigen Fassade des langgestreckten Gründerzeitbaus in der Hebelstraße. Kinderfahrräder stehen hinter elektronischen gläsernen Sicherheitstüren vorm Eingangsportal. Hinter den Fenstern kleben Blumen, Buchstaben und Figuren aus buntem Tonpapier. Unverkennbar. Hinter der Prunk-Fassade sind wieder Schulkinder los.
Vor bald drei Jahren, genau am 29. August 2006, hat sich der Kreis geschlossen für den historischen Bau, der so viele Anfänge, Umbrüche und Abschiede erlebt hat: Das Philanthropin ist nach 64-jähriger Interimszeit wieder Sitz der Schule der jüdischen Gemeinde in Frankfurt. Die Isaak Emil Lichtigfeldschule, Grundschule mit Eingangsstufe, Integrationsklassen für Lernhilfeschüler, mit differenzierter Hochbegabtenförderung und Gymnasium bis Sekundarstufe I, knüpft an die ursprüngliche Bestimmung des Ortes. Greift auf, was die Nazis 1942 ausradiert hatten.
Siegmund Geisenheimer vom Bankhaus Rothschild gründete 1804 das Philanthropin. Es sollte eine Schule für arme jüdische Kinder werden und die erste, in der sie in weltlichen Fächern und in deutsch unterrichtet würden.
Philanthropin bedeutet "Stätte der Menschlichkeit". 1908 wurde der Neubau in der Hebelstraße bezogen.
Die Nazis schlossen am April 1941 die höhere Schulen, Schüler und Lehrer des Philanthropins wurden deportiert und ermordet. 1942 wurde auch die Volksschule geschlossen.
Die jüdische Gemeinde zieht 1954 mit ihrer Verwaltung ins Philanthropin, verkauft es 1978 an die Stadt als Sitz für Bürgerzentrum und das Dr. Hochsche Konservatorium. Für 15 Millionen Euro wird das Philanthropin ab 2004 wieder als Schule umgebaut. Die I.E. Lichtigfeld-Schule der jüdischen Gemeinde, 1966 gegründet, hat seit 2006 dort ihren Sitz.
Die Grundschule mit Eingangsstufe bietet Förderkurse für Lernhilfekinder ebenso wie für Hochbegabte, die in Pull-Out-Stunden zusätzliche Forschungs- und Lehrangebote erhalten. Die Gymnasialstufe geht bis Klasse 9.
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Für Alexa Brum, Schulleiterin der Lichtigfeldschule, "begeisternd", gleichzeitig aber eine riesige Herausforderung. "Im Philanthropin waren alle klugen Köpfe versammelt, weil sie ins staatliche System und Beamtenwesen ja nicht zugelassen waren." Schule auf höchstem Niveau - und gleichzeitig hochmodern: eine Reformschule, die ihren Unterricht an Pestalozzi orientierte. Modern war nicht nur die Methodik. Das Philanthropin war Motor der liberal-jüdischen Reformbewegung, folgte auch von Anfang an einem interreligiösen Ansatz. Christliche Gelehrte wie etwa Franz Molitor unterrichteten an der Schule, sagt Brum, ab 1811 besuchten auch christliche Kinder die Schule.
Ein Drittel der Kinder ist nicht-jüdisch
So ist es in der Lichtigfeldschule geblieben. Mindestens 30 Prozent der Kinder sind nicht-jüdisch. Durchaus gewollt, sagt Brum. Dennoch nehmen alle an den sieben Stunden jüdischen Religionsunterrichts teil. Bei der Anmeldung spreche sie intensiv gerade mit nicht-jüdischen Eltern darüber, ob das fürs eigene Kind gut und gewollt ist. Im Schulbetrieb selbst spiele die Religionszugehörigkeit dann keine Rolle mehr. "Alle Schüler sind gleich. Die Lehrer wissen auch nicht, wer jüdisch, christlich oder ethisch-atheistisch ist."
Die Kinder scheint dies auch nicht zu interessieren. Ihr Schulleben folgt dem jüdischen Jahreskreis, sie lernen jüdische Traditionen kennen - entscheidend sind aber Respekt, Toleranz und interreligiöses Zusammenleben. Und das so selbstverständlich wie das Freundschaftsprojekt Lichtmuster mit der benachbarten Musterschule funktioniert.
Proben für den Gedichtabend
Längst nicht das einzige Projekt. Wer durch die langen, weiß getünchten Rundbogengänge streift mit dem fröhlich orangemelierten Linoleum am Boden, stößt allenthalben auf die Ergebnisse immer neuer Unternehmungen: auf das große Pappmodell des Philanthropins zum Beispiel, angefertigt zum 100. Geburtstag des Gebäudes in der Hebelstraße vor einem Jahr. Oder auf die Zeittafeln zur Chronik der jüdischen Schule, auf Ergebnisse aus mathematischen Knobelstunden oder Bild-Collagen aus Stoff und Karton.
Aus der Aula dringen Stimmen. "Fünftklässler proben für den Gedichtabend für Eltern", raunt die Schulsekretärin. Sie führt durchs Haus, das irgendwie schon immer "ihr Philanthropin" gewesen ist, wie sie sagt. Direkt gegenüber hat sie als junge Frau gewohnt, hat noch die Zeit erlebt, als die jüdische Gemeinde ihren Verwaltungssitz im Gebäude hatte, es schließlich an die Stadt verkaufte und Bürgertreff und das Hochsche Konservatorium einzogen.
Mit dem Umzug der Lichtigfeld-Schule vom Westend ins Philanthropin hat auch die Frankfurterin ihre Stelle im Philanthropin angetreten. Noch ein Anfang. Ein dreiviertel Jahr Umbauzeit hatten aus dem alten Bau eine moderne Schule gemacht. Mit viel Licht durch eingebaute Fenster im Dach, mit Spiegelsaal für Ballett- und Yogastunden; mit modernen Kunsträumen; einem synagogalen Raum mit farbigen Glasfenstern in für religiöse Feiern und Vorträge; mit top ausgestatteten naturwissenschaftlichen Räumen; mit interaktiven Tafeln in den Klassenzimmern, die mit Computern verbunden sind, so dass sich alle Aufzeichnungen speichern, bearbeiten und per Mail versenden lassen. Und: mit einer lichtdurchfluteten Mensa samt Cafeteria auf dem darüber liegenden Balkon.
Die Tische sind bunt gedeckt, die Stühle auf dem Eichenparkett leuchten orange - die Leitfarbe durch die Schule. Auch das war eine Herausforderung, sagt Alexa Brum, die sich für ihr modernes, integratives Schulkonzept mehr Offenheit und mehr Gruppenräume gewünscht hätte. Tribut an die Tradition. Und an den Altbau. Sie zuckt mit den Schultern und lächelt. Weil sie weiß: Die Herausforderung ist gelungen.

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