Wie eine Sacher Torte. Ganz so kann man sich Frankfurt vorstellen. Zumindest ist Annette Nagel fest davon überzeugt, wenn sie ihrer Freundin in Potsdam zu erklären sucht, wohin es sie vor fünf Jahren in Frankfurt am Main verschlagen hat. Nagel hält die Torte für ein überaus geeignetes Bild, weil sie doch in verschiedenen Lagen gefertigt werde und Frankfurt nunmal auch eine Stadt in Schichten sei: Große Straßenzüge empfindet Annette Nagel wie eine Art Grenzmarkierung für Zwischenräume.
Und so stand für sie stets fest, dass ein Umzug aus dem Nordend über den Alleenring hinweg niemals in Frage komme. Niemals. Jetzt wohnt Annette Nagel in Eschersheim. Früher, erzählt die 41-Jährige, sei das für sie Niemandsland gewesen, habe sie nicht gewusst, dass es jenseits der Hügelstraße Leben gebe, heute empfinde sie das Wohnen in dem nördlichen Stadtteil als überaus "großes Glück".
Um das Jahr 1000 herum findet sich die erste urkundliche Erwähnung der Ansiedlung, die über Jahrhunderte hinweg von Frankfurt am Main aus- geschlossen blieb und sich so zunächst Richtung Hanau orientierte.
Eine Haltestelle der Main-Weser-Bahn erhielt das Dorf am Ufer der Nidda 1877. Einige Monate später ging die Pferdetrambahn zwischen dem Eschenheimer Tor und der heutigen Haltestelle Weißer Stein, die damals Thielenstraße hieß, über die zu diesem Zeitpunkt unbebaute Eschersheimer Landstraße in Betrieb.
Auf der Trasse der Eschersheimer Landstraße, die zu den zentralen und meist frequentierten Einfallstraßen der Stadt gehört, verkehren heute auch die U-Bahnen der Linien 1, 2 und 3.
Die Grenzen des Stadtteils, der heute gut 14.000 Einwohner zählt, markieren neben der Hügelstraße im Süden und der Nidda im Norden die Verknüpfung zur Autobahn A 661 sowie die Eschersheimer Landstraße.
Durch das Kulturzentrum Batschkapp ist der nördliche Stadtteil, der seit 1910 zu Frankfurt gehört, über seine Grenzen hinaus bekannt.
Und das nicht allein deshalb, weil sie mit Kind und Kegel nach etlichen Besichtigungen endlich ein Häuschen fand, das ihr bezahlbar erschien. Ein Reihenhäuschen, an denen es in Eschersheim nicht mangelt. Unbedingt wollte die Familie in der Stadt bleiben, partout den innenstadtnahen Arbeitsplätzen verbunden sein, um sich weiterhin mit dem Fahrrad in den Zwischenschichten orientieren zu können. Die Nagels arbeiteten sich durch. Wie die Raupe Nimmersatt. Schicht für Schicht eben. Nördlich des Marbachwegs hätten sie bleiben mögen.
Zu teuer. Dann entdeckten sie in der FR die flach gehaltene Anzeige, die ein altes Haus für eine junge Familie versprach. In Eschersheim. Ohne Stadtplan wären die Nagels plötzlich aufgeschmissen gewesen, obwohl sie von sich dachten, dass in Frankfurt, dieser Sacher Torten ähnlichen Stadt, ihnen so schnell keiner was vor mache. Seitdem sagen die Nagels, sie seien jetzt Eschersheimer.
Das Dorf zwischen Nidda und Hügelstraße gab der Landstraße ihren Namen, die kilometerlang vom Norden aus in Richtung Innenstadt führt. Ein stark frequentiertes Asphaltband, das zwischen Ginnheim und Eschersheim wie ein Pfahl im Fleisch wirkt. Für Kinder eine schier unüberwindbar wirkende Hürde. Zumindest darf der siebenjährige Sohn von Annette Nagel seinen Freund auf der anderen Seite des Sinaiparks nicht auf eigene Faust besuchen.
Entlang der Eschersheimer Landstraße müsste der Stadtteil ruhig mehr zu bieten haben. Es fehle, daran lässt kein Eschersheimer Zweifel aufkommen, ein Café. Erst am Weißen Stein findet sich eine Eisdiele. Und es mangele an einem weiteren Restaurant neben den beiden, eher mediterranen Einflüssen verpflichteten Küchen. Aber einfach ist das Geschäft für Kneipenbesitzer und Einzelhändler nicht: So wechselte ein Laden zwischen Körberstraße und Lindenbaum in den vergangenen Jahren reichlich oft seinen Besitzer. Am Ende gab ein Biometzger aus der Wetterau auf, weil Umsatz und Miete nicht in einem angemessen Verhältnis standen.
Einen Masterplan zur Entwicklung des Stadtteils dürfte es nicht gegeben haben. Neben dem alten Ortskern in unmittelbarer Nähe zu Strandbad und Nidda entstand im Süden die kleine "Gartenstadt" genannte Ansiedlung zur Hügelstraße hin. Der gesamte Bereich dazwischen entwickelte sich erst mit der Eingemeindung weiter. Nach den von Baumeister Walter Gropius in den 20er Jahren entworfenen Siedlungshäusern am Lindenbaum und nahe des Wasserturms wächst der Stadtteil in den 50er Jahren mit der Anne-Frank-Siedlung und später mit den Reihenhäusern hinter der Kirchhainer Straße weiter. Zum Abschluss gelangt diese Entwicklung erst heute: Die letzten Käufer moderner, zumeist in warmen, satt wirkenden Farben gehaltenen Reihenbauten sind in der Straße Im Geeren zum Frankfurter Berg hin gerade erst eingezogen.
Wenn Annette Nagel den Burgholzer Platz schon früher gekannt hätte, alles in der Welt hätte sie unternommen, um an diesen Flecken am Ende der Amöneburger Straße zu gelangen. "Reiner Zufall", vermutet sie, wenn dort mal eines der wenigen Häuschen auf den Markt käme. "Tolle Ecke", aber sie selbst habe es zwischen Reinhardstraße und Lichtenbergplatz auch nicht schlecht getroffen. Als "Gartenstadt" nach dem Vorbild britischer Gründungen an den Rändern großer Städte habe man diesen Teil Eschersheims in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg errichtet: Hoch gestreckte Häuser mit scharfkantig gezogenen Dächern und nicht selten schmal geschnittenen Grundstücken, die hinten hin wie zu einem Park zusammenlaufen.
"Herrliche Ecke", sagt Annette Nagel und freut sich nach wie vor darüber, den Weg durch die Schichten der Stadt genommen zu haben.

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