Am Anfang war ein Planquadrat. Die Heimat von mehr als zweitausend Menschen war eine akademische Kopfleistung. A bis D haben die Straßen der Einfachheit halber geheißen, damals 1921 bis 1931, als Stadtbaurat Ernst May und seine Architektenkollegen Herbert Boehm, Ferdinand Kramer, Emil Blanck und Wolfgang Bangert in kurzer Zeit und mit schmalem Budget die Siedlung Westhausen aus dem Praunheimer Boden stampfen mussten.
Das letzte Stück des "Neuen Frankfurt". Ein Raster aus Wohnwegen und schmalen Wohnstraßen zwischen langgezogenen Blocks aus den typisch May'schen Mini-Reihenhäusern. Mal gelb getüncht, mal braun, mal grün, mal beige. Dazu vier Meter Garten vor dem und vier Meter hinter dem Haus, und das so weit das Auge reicht.
Das Quartier im Stadtteil Praunheim ist der letzte große Siedlungsbau des Neuen Frankfurts (1929-31). Stadtbaurat Ernst May und sein Architektenteam schufen in zwei Bauabschnitten mehr als 1116 Mietwohnungen in Reihenhäusern und Geschossbauweise.
Die Flächebeträgt 0,7 Quadratkilometer, knapp 2500 Menschen leben in der Siedlung.
Westhausengrenzt südlich direkt an die A66. Im Osten verläuft die Ludwig-Landmann-Straße, auf der die U-Bahnlinie 6 verkehrt. Im Norden liegt der Friedhof Westhausen, einer von vier Ehrenfriedhöfen für italienische Kriegsopfer in Deutschland.
Die Straßennamen A bis D benannten die Nationalsozialisten um, auf Drängen der Westhausener wurden die Straßen nach Kriegsende alle nach Widerstandskämpfern und Verfolgten des Naziregimes benannt.
Mit der EuropaschuleLiebigschule und der französischen Schule, Lycée Victor Hugo, verfügt die Siedlung über zwei Gymnasien.
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"Ich nenn' sie Puppenhäuschen", sagt Hans Bullinger. "Wunderschön und toll zum Wohnen." Wegen der üppigen Gärten, den großen Terrassen, die im Sommer ein zusätzliches Wohnzimmer abgeben, der absolut ruhigen Lage ohne Autoverkehr. Der fließt über die Hauptstraßen, rund ums Siedlungs-Rechteck ab.
Der 64-Jährige lebt so lange in Westhausen wie sein Sohn alt ist, sagt Hans Bullinger. 29 Jahre. "Also ein Neueinsteiger für Westhausener Verhältnisse." Er kennt Etliche in der Siedlung, die schon in dritter Generation hier leben. Vor allem, wer ein Reihenhäuschen hat, bleibt. Bullinger wohnt in einem der Mehrfamilienblocks in der Stephan-Heise-Straße, die wie die Riegel in der Parallele am Westring das kleine Grün-Dorf in schützender Umarmung abschirmen.
Insel der Glückseligen. "Ich wohn' gern hier", sagt Bullinger. Auch wenn sich vieles mit den Jahren verändert habe. Nicht alles zum Vorteil. Der ehemalige Mitarbeiter der Bundesdruckerei hat über seinen Arbeitgeber die Wohnung bekommen. "Damals haben hier nur Beamte gewohnt." Ein bisschen zu spießig war ihm das damals. Inzwischen haben die Wohnungsverwaltungen mehrfach gewechselt, haben eine durchmischtere Sozialstruktur und "Multi-Kulti" gebracht. Hans Bullinger hat das gefallen.
Seit einigen Jahren ist die Deutsche Annington Eigentümerin der Mietwohnungen. Seither gibt es mehr Wechsel, die Wohnungen sind auch nicht mehr so gepflegt, sagen zwei Bewohnerinnen, die sich eine 60 Quadratmeter-Wohnung in dem Mehrfamilienblock Stephan-Heise-Straße teilen. Vor sieben Jahren sind Mutter und Tochter von Sossenheim nach Westhausen gezogen. Wegen der Weite, sagt die Mutter, der vielen Gärten. Und wegen der günstigen Verkehrslage. Zwei Stationen der U 6, gewissermaßen vor der Tür. In zehn Minuten ist man in der Innenstadt, in dreien an der Nidda, auf dem weitläufigen Friedhof, in den Praunheimer Kleingärten oder auf dem freien Feld Richtung Rödelheim. Und wer ein Auto hat, ist binnen weniger Minuten im Taunus oder auf der A 66. Inzwischen wissen die beiden auch die "gute Nachbarschaft" in der Siedlung zu schätzen. Man kennt sich im Haus, grüßt sich auf der Straße, "wer Anschluss will, kriegt ihn auch".
Nur, dass Annington in der jüngsten Zeit alte Bäume in den Vorgärten abholzen lässt, bringt die Frauen auf. "Da schimpfen ja manchmal sogar die beauftragten Gärtner."
Auch Hans Bullinger hat vor Jahren ein Tannenbäumchen in den Vorgarten gegraben. Heute reicht der Baum schon über den ersten Stock hinaus. "Mein Beitrag." Er wird wohl alt werden in der Siedlung, sagt er. Obwohl das Wichtigste für alte Leute fehle: Einkaufsmöglichkeiten direkt im Quartier, dazu ein nettes Gasthaus, wo man sich nachmittags oder abends mal zum Kartenspielen und Reden treffen kann.
Der Bürgertreff in der Kollwitzstraße, der seinen Namen allerdings nie verdient habe, steht trist-braun und verrammelt da. Und seit auch die Geschäfte in der benachbarten Lübke-Siedlung geschlossen haben, gibt es nur noch die Apotheke am Westring, einen Frisör und einen türkischen Laden, der auch schon mal bessere Zeiten und Waren gesehen habe.
Noch fährt er mit dem Rad zum Lidl nach Rödelheim oder mit der Bahn in die Stadt, sagt Bullinger. Und hofft natürlich, dass er möglichst lange noch mobil ist. Aber immerhin. Seine Jungen sind ja zurückgezogen: Die Tochter lebt am Westring, der Sohn samt Familie in einem der Reihenhäuschen. Westhausener Phänomen, sagt Bullinger und lacht. "Wer hier mal gewohnt hat, kommt immer wieder zurück."

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