Tja, der Bonifatius, klar, sagt die junge Frau an diesem frühen Morgen, kenne sie den Bonifatius. Wenngleich sie neu zugezogen sei, jetzt zur Arbeit fahren wolle und noch nicht die Zeit gefunden habe, viele Menschen in Kalbach kennen zu lernen. Aber der Bonifatius, den kennen in Kalbach doch eigentlich alle. Zumindest hier. Und den nach ihm benannten Brunnen, den finde man recht bald, wenn man von der Bonifatiusstraße aus dem hölzernen, nicht zu übersehenden Hinweisschild folge.
Eine mutmachende Prognose. Von "recht bald" kann überhaupt keine Rede sein. Kilometerlang zieht sich der Feldweg zwischen Kalbach und dem Riedberg, der ja eigentlich auch zu Kalbach gehört. Ingenieure sind an diesem Morgen damit befasst, das freie Land zwischen den beiden Siedlungen zu vermessen. Reichlich freies Land gibt es hier entlang der Autobahn A 661 noch, das demnächst bebaut werden soll.
Im Jahr 772 findet sich die erste urkundliche Erwähnung von Caltebach, Kalbach, als ein Gutesherr dem Kloster Fulda ein Stück Acker schenkte: Das Stück Land, auf dem knapp zwei Jahrzehnte zuvor der Leichenzug des Heiligen Bonifatius Station gemacht hatte. Heute führt dort die Bonifatius-Route entlang.
Genau 1200 Jahre später gelangt Kalbach zu Frankfurt am Main, eingemeindet gemeinsam mit den nördlich Nachbarn Harheim, Nieder-Eschbach und Nieder-Erlenbach.
Zu den wirtschaftlich starken Stadtteilen zählt Kalbach heute - nach der Ausweisung weiträumigen Gewerbeflächen, auf denen sich zumeist Logistik-Unternehmen, aber auch das Frischezentrum angesiedelt haben. Das Gebiet liegt zwischen den Autobahnen A 5 und A 661. Raumplanerisch gehört auch das Neubaugebiet Riedberg zu Kalbach. Insgesamt wohnen dort zurzeit 6400 Bürger. Die Lokalredaktion widmet dem Riedberg jedoch eine separate Folge von "Frankfurt für Anfänger".
Die alte Reichsstadt wird lebendig: Welche Ereignisse waren einst Stadtgespräch am Main? Zeitzeugenberichte und Hintergrundwissen rund um das historische Frankfurt im Frankfurt-Blog.
Weil eigentlich alles in dem nördlichen Stadtteil bebaut wird. Kalbach ist nur ein anderer Name für Wachstum. Zumindest empfinden das die alten Kalbacher nicht selten so. Immer dann nämlich, wenn sie mit dem Hund raus wollen, sagt Beatrix De Gennaro. Dann erfahren die alten Kalbacher, dass ihr altes Kalbach nicht mehr ein Dorf am Stadtrand von Frankfurt ist, das die Großstädter 1972 im Zuge der letzten großen Eingemeindungswelle zusammen mit Harheim, Nieder-Eschbach und Nieder-Erlenbach eingemeindet haben. Dann bekommen sie zu spüren, dass um sie herum in den vergangenen Jahren manches Reihenhaus und manche Gewerbehalle entstanden ist.
Liebling Gartencenter
Den Gewerbeansiedlungen kann Beatrix De Gennaro durchaus etwas abgewinnen. Morgens um vier Uhr steht sie auf und macht sich recht bald auf den Weg zum nahen Frischezentrum. Jeden Morgen ihr erster Gang. Über das Frischezentrum gebe es nichts zu meckern, ausgezeichnete Qualität könne sie dort für ihren kleinen, aber feinen Gemüseladen im Kern des alten Kalbachs, dort wo Hauptstraße und Talstraße zusammenfinden, für ihr anspruchsvolles Publikum mitnehmen.
Das Frischezentrum auf der Ecke zwischen den Autobahnen A 5 und A 661 ist weithin gut zu sehen, das Gartencenter gleich in der Nähe muss man dagegen kennen. Kennt auch fast jeder. Deshalb machen die Gärtner schon eine halbe Stunde vor den üblichen Geschäftszeiten auf. Auf dieses Gartencenter lassen viele nichts kommen, weil man dort so viel Auswahl habe und man gleich mehrere Einkäufe wegen der Wurststände und des Brotangebots auf einen Schlag erledigen könne. Schräg gegenüber vom Gartencenter siedelte sich vor nicht allzu langer Zeit ein Hotel an.
Dessen Chef wirbt von einem Transparent aus für das Gewerbegebiet Am Martinszehnten. Weil dieses Areal gut zu erreichen sei und noch viel Platz zu bieten habe. Alles weitere mag die Frankfurter Aufbau Gesellschaft besser erklären. Doch schon im Vorbeifahren kann es keinen Zweifel geben: Dieses Gewerbegebiet, das sein Gegenüber auf der anderen Seite der Autobahn in Nieder-Eschbach findet, hat noch viele Flächen zu bieten. Kalbach ist eben nur ein anderes Wort für Wachstum.
Die Alten, sagt Beatrix De Gennaro, die stellen sich das wohl anders vor. Lässt sich doch gut leben in den Häusern entlang von Hauptstraße und Talstraße. Frankfurt, das kann man sich vom Leib halten, mit dem Hund ist man zügig auf dem Feldweg und von dort aus bietet sich der Blick auf die Skyline.
Doch in früheren Zeiten, als es noch viele Bauern gab, da kam eine Straße eben noch mit einem Schild aus. Heute verweist der parallel laufende Hinweis: Riedbergstraße und Alte Riedbergstraße darauf, das sich manches verändert hat. In diesem Dorf mit seiner schmucken katholischen Kirche, dem ansprechenden Metzger im alten Kern und gleich gegenüber mit De Gennaros Obstladen.
Von der Überquerung des schmal laufenden Kalbachs aus zieht es sich bis zur Quelle. Gut ein Kilometer etwa, dann stößt man auf den Brunnen, der Bonifatius zu Ehren entstand. Bonifatius ist eigentlich ein Künstlername, verliehen vom Papst für einen eifrigen Missionar, den heidnische Friesen Mitte des achten Jahrhunderts umgebracht haben. Sein Leichenzug machte in Kalbach Station. Von Niederursel aus in Richtung Harheim. Deswegen kennen den Bonifatius hier auch alle.

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