Von der Ausgeh-Landkarte ist diese Ecke Sachsenhausens längst verschwunden. Zwischen Elisabethen- und Brückenstraße werden heute Matratzen verkauft. Wo also Entscheidungen zwischen Schaumstoff, Federkern und Futon fallen, spielten früher Bands und es trafen sich schwarz angezogene Menschen Samstagsabends zur Dark Wave Party. Den Club Negativ gibt es seit mehr als zehn Jahren nicht mehr, die Indie-Gemeinde ist in den Clubkeller in der Textorstraße weitergezogen.
Die südlich gelegene Seite der Alten Brücke war schon immer ein Quartier im Umbruch, manches entsteht neu, manches verschwindet. Als halbwegs neuer Blickfang ragt der Portikus auf, ehe man auf die Imbissmeile trifft, auf die "Dönerkurve", die sich zum Affentorplatz zieht. Immer mal wechseln die Imbisse - aus libanesisch wird italienisch, aus Döner Bratwurst.
Ehemals residierte der Deutschorden in der dreiflügligen barocken Anlage an der Alten Brücke in Sachsenhausen. Die gotische Kirche stammt von 1309, doch die Ordensgeschichte reicht bis 1190 zurück. Jetzt befindet sich hier das Ikonen-Museum.
Die Deutschordenskirche ist die einzige historische Kirche von Frankfurt, die nicht der Stadt gehört. Nach ihrer Zerstörung 1943 wurde sie 1965 wieder aufgebaut. Bei der Säkularisation 1803 fiel sie als einzige Kirche Frankfurts nicht an die Stadt, sondern an den Fürsten Friedrich August von Nassau-Usingen. 1809 löste Napoleon den deutschen Orden auf.
Der Gebäudekomplex wurde im 19. Jahrhundert auch als Lazarett und als Kaserne eines bayerischen Jägerbataillons genutzt. 1881 ging er an die Frankfurter katholische Gemeinde, die einen Seelsorgebezirk für Sachsenhausen einrichtete.
Was geblieben ist, ist das Ensemble des Deutschordenshauses, doch auch da haben sich über die Jahrhunderte die unterschiedlichsten Nutzer ausgebreitet. Zweckentfremdet wurde der Bau im 19. Jahrhundert unter anderem als Lazarett und als Kaserne eines bayerischen Jägerbataillons. Aber der Reihe nach: Am Mainübergang zwischen Sachsenhausen und Frankfurt wurde 1709 bis 1715 über den Resten einer gotischen Anlage das Deutschordenshaus erbaut.
Die barocke Dreiflügelanlage mit prächtigem Hauptportal und Rittersaal war Sitz des Deutschen Ordens, der das Gebäude vorwiegend nutzte und hier einen seiner wichtigsten Versammlungsorte unterhielt. Im Zweiten Weltkrieg brannte das Gebäude aus; in den 60er Jahren wurde es in etwas vereinfachter Form wieder aufgebaut. Außer pfarrlichen Diensträumen der Deutschordensgemeinde beherbergt es heute das Ikonenmuseum, das im ehemaligen Refektorium untergebracht ist.
Die Geschichte des Ortes reicht aber viel weiter zurück. Was heute vierspurige Rennstrecke zwischen Innenstadt und südlichenStadtteilen ist, war Standort eines der bedeutendsten mittelalterlichen Gebäude Sachsenhausens. Um 1190 wandelte Kuno von Münzenberg einen direkt am Main gelegenen Wirtschaftshof in ein Spital mit angeschlossener Kirche um. 1307 wurde die Kirche der Deutschordenskommende gebaut und der Heiligen Maria geweiht. Noch im 13. Jahrhundert fanden mindestens drei Versammlungen des Generalkapitels, des höchsten Leitungsgremiums des Ordens, in Frankfurt statt.
Kaiser Ludwig, der Bayer sprach hier 1324
Die Deutschordenskommende war auch ein Ort bedeutender politischer Ereignisse. Kaiser Ludwig der Bayer veröffentlichte hier am 22. Mai 1324 die "Sachsenhausener Appellation", in der er den Anspruch des Papstes auf die Approbation einer Königswahl zurückwies. Fortan genügte die Zustimmung der Mehrheit der Kurfürsten für die rechtmäßige Wahl eines Königs.
Von 1707 an wurde das alte Ordenshaus abgerissen und unter Leitung des Frankfurter Baumeisters Daniel Kayser durch einen barocken Neubau ersetzt. 1751 wurde schließlich auch die Kirche St. Maria in Fassade und Innenraum barockisiert.
Deutschordenshaus und Deutschordenskirche sind heute Ruhepole an einem hektischen Flecken Stadt. Die bordeauxroten Wände, an denen meist goldene Ikonen aufgestellt sind, bilden im Museum einen feinen Kontrast zum Grau in Grau des Frankfurt-Winters. Die Kirche steht offen für ein kurzes Innehalten. Und nicht mehr tanzen, aber ein bisschen ausruhen kann man natürlich auch im Matratzenladen schräg gegenüber.

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