Bockenheim, sagt Friedhelm Buchholz, "hat in den vergangenen Jahrzehnten viel mitgemacht." Permanente Sanierungen der Nachkriegsneubauten, den U-Bahn-Bau Anfang der 80er, den Abriss des Industriegebietes Süd. Jetzt zieht die Uni weg. Seine tiefe Betroffenheit darüber kleidet der Vorsitzende des Geschichtsvereins Freunde Bockenheims zunächst in unverbindliche Worte, spricht von einem "emotionalen Einschnitt". Als das Gespräch aber auf die Bockenheimer Warte kommt, ist jede Zurückhaltung dahin: Wie ein "Leuchtturm in der Brandung" werde der Turm dann noch stehen und dem Stadtteil seine Identität erhalten.
"Da könnte man fast sentimental werden", sagt der 53-Jährige und blickt aus dem Fenster des Eiscafé Campus, das vor fünf Jahren in den westlichen Anbau am Fuße des Turms eingezogen ist. Vor seinen Augen stehen grau die Bauten des Bockenheimer Campus, fast menschenleer. "Wenn die Uni verschwindet, ist die Warte umso wichtiger", sagt Buchholz.
Der spätgotische Turm, im Jahr 1435 fertiggestellt, war der westliche Befestigungspunkt der Frankfurter Landwehr. Die Landwehr mit ihren ehemals fünf Warten sollte die Stadt schützen, etwa vor den Raubrittern aus dem Taunus. Erhalten sind außer der Bockenheimer noch die Sachsenhäuser, die Friedberger und die Galluswarte. Als Wahrzeichen Bockenheims ist der Turm bekannt, tatsächlich liegt er innerhalb der Gemarkung des Westends.
In der Hand hält der gebürtige Bockenheimer einen ausgeschnittenen Zeitungsartikel über eine mögliche Sanierung der Galluswarte. Mitte des 15. Jahrhunderts bildeten die beiden Türme mit drei anderen Warten die Befestigungspunkte der Frankfurter Landwehr. Die Galluswarte, heißt es in dem Artikel, soll saniert und öffentlich zugänglich gemacht werden. Auf Buchholz' Gesicht macht sich Verbitterung breit. Genau das hatte er vor sechs Jahren für den Bockenheimer Turm gefordert. Die nötigen 20 000 Euro für den Umbau wollte die Stadt wegen der "angespannten Finanzsituation" nicht übernehmen.
Dabei hatte Buchholz mit seinem Verein die Zukunft des Wahrzeichens schon genau durchdacht. Zu einem "historischen Fixpunkt" des Stadtteils wollten die Freunde Bockenheims die Warte machen. Gerade in einem Stadtteil, in dem nur noch wenige geschichtsträchtige Gebäude stehen. Im Turmzimmer sah Buchholz schon Bilder, Karten und Pläne zur Geschichte dieses Ortes hängen. Diese Träume kommen jetzt wieder hoch, wenn er von den Fortschritten im Gallus liest.
Die schmale dunkle Tür der Bockenheimer Warte aber wird zunächst verschlossen bleiben. Zwei Schrauben zeugen noch von dem entfernten Türgriff neben dem Schloss. Dahinter verbirgt sich der schmale äußere Treppenaufgang, der vorbei an moosbewachsenen Wänden ins Turminnere führt.
Dort wird man schnell an die aktuelle Nutzung des Turms erinnert: Bis in das achteckige Turmzimmer zieht sich ein Entlüftungsschacht der Kanalisation. Mit jedem Schritt die hölzerne Treppe hinauf wird der Gestank intensiver. Immerhin leitet im Turmzimmer inzwischen ein Abluftrohr die schlechte Luft nach draußen. Statt historischer Pläne und Bilder an den Wänden bestimmt hier Stein gewordene Tristesse das Bild.
Dass der Turmkopf vor drei Jahren saniert wurde, sieht man ihm im Inneren kaum an. Immerhin, auf dem Weg nach oben muss man nicht mehr durch zentimeterhohen Taubendreck stiefeln. Bei der Sanierung wurden 2005 nicht nur der Turmkopf und die Dachschindeln erneuert, sondern auch Abwehrspieße und -netze gegen Tauben angebracht. Äußerlich strahlt die Fachwerkkonstruktion, wie es einem Wahrzeichen zur Ehre gereicht.
Den Begriff Wahrzeichen benutzt Friedhelm Buchholz sehr oft. Auch, wenn er vom Uni-Campus spricht. Wenn der einmal weg ist, träumt er von einem lebendigen Platz, in dessen Zentrum die Warte stehen soll. Ein historisches Ensemble, zusammen mit dem Bockenheimer Depot und der Druckerei Dondorf. Wie auch immer sich der Stadtteil entwickelt: Buchholz wird alles dokumentieren. Immer in der Gewissheit, dass zumindest die Bockenheimer Warte im Original erhalten bleibt.

Die Stadt und Region auf einen Blick: unsere neue Übersichtsseite für Frankfurt und Rhein-Main - das Pflicht-Lesezeichen für alle Hessen.
Berichte aus Bad Homburg, Hochtaunus | Bad Vilbel, Wetterau | Darmstadt | Frankfurt | Kreis Groß Gerau | Hanau, Main-Kinzig | Main-Taunus | Mainz | Offenbach | Kreis Offenbach | Wiesbaden.
Von Wiesbaden über Frankfurt bis Hanau - Die Stadt und die Region auf einen Blick
Offenbach bangt um einen großen Arbeitgeber: Die Krise beim insolventen Druckmaschinen-Hersteller Manroland.
Facebook | Twitter überregional | Google+