Wo ist der Anfang, wo das Ende und wie sieht's mit der Mitte aus? Bonameser Verwirrspiel. Wer via Homburger Landstraße von Nieder-Eschbach aus anrollt, durch die Hochhausschlucht des Bügels, sucht vergeblich nach optischen Hinweisen, wo genau Nieder-Eschbach anfängt, Bonames zu sein. Kaum verlässlicher scheint der Weg von Kalbach aus - Kalbacher Hauptstraße, Obere Kalbacher, Verkehrsdreieck zur Homburger und eh man sich's versieht, ist man über die alte Niddabrücke wieder ins freie Feld gen Frankfurter Berg gerollt. War da was? Immerhin, am Knotenpunkt der Hauptachsen Obere Kalbacher und Homburger Landstraße weckt eine Ladenstraße Stadtteil-Mitte-Phantasien. Lottoladen, Penny und Tengelmann, Reinigung, Optiker, Bäcker, Klamotten und Menschen mit Einkaufstaschen in der Hand. Autos brausen um das Straßendreieck zwischen 60er-Jahre-Bauten, rauben jede Illusion von Mitte.
Das Herz duckt sich weg. Quetscht sich in die untere Ecke des vom Straßenkreuz gevierteilten Stadtteils: Alt-Bonames. Die alte evangelische Kirche und der stattlich renovierte Hotelgasthof zur Goldenen Gerste von anno 1747 bieten endlich Orientierung. Kleine Häuser quetschen sich im kurvigen Gewirr enger Straßen. Pfarrgasse, Burghof, Mittelgasse. Pflastersteine, spitze Giebel, verputzter Backstein, kleine Fenster. Untergasse, Hintergasse - Sackgasse. Bonameser Labyrinth. Kleine Häuser verschachteln sich in zig Anbauten in Gärten und Höfe. Stoßen aneinander, ecken an. Schlosser, Schreiner, Architekten - Handwerker quetschen ihre Werkstätten und Büros dazu. In Alt-Bonames steht nichts in Reih' und Glied. Hier wird freihändig gebosselt und angebaut. Und gewohnt. Über Generationen. Die Kinder bleiben, weil Familien Eigentum weiter vererben. Und weil es sich hier wohnen lässt.
Der Name rührt vermutlich von den Römern, die die Furt an der Nidda als bona mansio, gute Raststätte bezeichnet haben. Heute zählt Bonames 6334 Einwohner, die Fläche beträgt 340 Hektar. Am 1. April 1910 wurde der Ort nach Frankfurt eingemeindet. Die Wohngemeinschaft Bonameser Weg ist 1953 als Wohnwagenlager an der Grenze zum Frankfurter Berg entstanden, der bis 1. Juli 1996 noch zu Bonames gehörte. Arme Familien ohne festen Wohnsitz siedelten sich an. Ohne Wasser- und Stromanschluss und ohne Genehmigung. Eine von der Stadt eingerichtete Sozialstation für Kinder brannte 1977 aus. Sehenswürdigkeiten/Naherholung: Evangelische Pfarrkirche, barocke Saalkirche von 1476-78, Homburger Landstraße 624. Niddabrücke, 1482 erbaute und 1892 erneuerte Bogenbrücke aus Sandstein. Die Kulisse mit der ehemaligen Wiemerschen Walzenmühle und dem klassizistischen Metzlerschen Landhaus ist bis heute erhalten. Alter Flugplatz Bonames, das bis 1992 von der US-Armee genutzte 4,5 Hektar große Areal wurde in einen Naturpark mit Skaterbahn, Feuerwehrmuseum, Café umgestaltet und in den Grüngürtel eingegliedert.
Das sagt auch Wolfgang Köhler. Vor 22 Jahren ist er mit Frau und Kind in ein Reihenhaus nahe dem ehemaligen Hubschrauberlandeplatz gezogen. Weil's gepasst hat: stadtnah durch zwei U-Bahn-Anschlüsse, direkte Busverbindung ins Nordwestzentrum, gute Infrastruktur: Läden, Schule, Kitas, alte Gaststätten, eine richtige Post - und dies alles idyllisch im Grünen mit Kalbach und Niddaauen. Damals sind viele junge Familien in die neue Reihenhaussiedlung gezogen, sagt Köhler. "Über die Kinder, Kindergarten und Schule hat man schnell Kontakt gefunden." Die Nachbarschaft funktioniere in Alt-Bonames. Das Vereinsleben auch: Mit dem TSV Bonames, in dem halb Bonames vertreten ist, mit der Freiwilligen Feuerwehr. Man grüßt sich, bei den Nachbarn sind Schlüssel deponiert, man passt gegenseitig auf Kinder auf, steht auf der Straße zusammen. "Nur der Hubschrauberlandeplatz hat gestört."
Köhler hat sich in der Bonameser Bürgerinitiative gegen Hubschrauberlärm engagiert, die sich 1982 formierte. Heute ist die als Spiel- und Naherholungsgebiet umgestaltete Landebahn sein Lieblingsplatz im Stadtteil. Zweifellos eine der positiven Häutungen des Orts, der stetigem Wandel unterlag und schon den Römern als bona mansio - gute Raststätte - gegolten haben soll.
Auch den Frankfurtern: Repräsentatives Beispiel ist das Metzlersche Palais Alt Bonames Nummer 6. Nicht nur noble Familien zog es an die Nidda. Ende der 50er, Anfang der 60er entstanden die Reihen- und Einfamilienhäuser von Bonames Nord jenseits des Harheimer Wegs. In den 70ern folgten die Hochhäuser am Bügel, die inzwischen nur noch trist-betongrau in den Himmel ragen.
Sie sind das zweite Bonames. Das mit dem schlechten Ruf, weil jeder, der kann, eher wegzieht, wie Köhler sagt. Die Heddernheimer U-Bahn-Schläger kommen vom Bügel. Haben das Vorurteil geschürt, dass hier nur Jugendliche aus schwierigen sozialen Verhältnissen wohnen, die gewalttätig und kriminell sind. Jugendliche im Jugendhaus am Bügel beklagen, dass sie bei der Lehrstellensuche Absagen kassieren, nur weil sie aus Bonames kommen.
"Der Ruf ist schlechter, als der Bügel in Wahrheit ist", sagt Köhler. Die Siedlung mit den vielen Grünanlagen, sogar einem See zwischen tristem Betongrau, biete durchaus Lebensqualität. Auch die Wohnungen in den Hochhäusern seien geräumig und gepflegt - und funktionieren dennoch nicht als attraktives Quartier. "Wer im alten Ort wohnt, antwortet immer Alt-Bonames, wenn er gefragt wird, wo er wohnt." Betonung auf Alt, sagt Köhler. Die Abgrenzung zum Bügel ist deutlich. Wie zur Bekräftigung zieht auch noch die Bahnlinie die Grenze.
Die dennoch durchlässig ist, vor allem für Jugendliche, die ihre Treffs im Stadtteil mühsam suchen müssen. Das Jugendhaus am Bügel ist das einzige offizielle Angebot. Ein Sportwetten-Laden im alten Ort hat sich zum Ersatz-Treff gemausert. Suboptimal, sagt Köhler. Für die Jugendlichen müsste die Stadt noch was bieten.

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