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Frankfurt für Anfänger: Vogel-Franz und der scharfe Otto

Knorrige Hesseköpp bringen das wahre Leben in die Frankfurter Gerichtssäle. Von Stefan Behr

Die Frankfurter Gerichte - ein architektonischer gordischer Knoten aus Gebäuden und Übergängen.
Die Frankfurter Gerichte - ein architektonischer gordischer Knoten aus Gebäuden und Übergängen.
Foto: dpa

Ein Labyrinth. Frankfurts Gerichte sind ein einziges gottverdammtes Labyrinth. Im Laufe der Zeit sind die Gebäude A, B, C und D zu einem Labyrinth minotaurischen Ausmaßes gewachsen. Ist man erst einmal drin, kann man durch geheime Gänge und verwunschene Schleusen jedes Gebäude erreichen, ohne wieder auf die Straße zu müssen. Wenn man es denn schafft.

Legenden berichten von Justizreferendaren, die mit Akten von Gebäude A ins Gebäude D geschickt wurden - und nie dort ankamen. In windstillen Nächten, sagt man, könne man ihre Schritte und ihr Jammern hören, wenn man ganz genau lausche. Na ja, vermutlich nur eine Legende.

Frankfurter Gerichte

In Frankfurt finden sich neben Amtsgericht, Landgericht und Oberlandesgericht auch noch Arbeits- und Verwaltungsgericht.

Im Einzugsbereich des Frankfurter Landgerichts, eines von neun Landgerichten im Oberlandesgerichtsbezirk, leben etwa eine Million Menschen.

Nachgeordnet sind die Amtsgerichte Bad Homburg, Frankfurt, Königstein und Usingen.

2100 Menschen arbeiten in dem Frankfurter Gerichtskomplex, darunter mehr als 400 Richter und knapp 150 Staatsanwälte. Pro Jahr werden hier ungefähr 60.000 Verfahren behandelt.

Eiserner Steg, Goethe-Haus oder May-Siedlung - alle Teile der Serie Frankfurt für Anfänger finden Sie hier.

Auf engstem Raum finden sich hier Amtsgericht, Landgericht und Staatsanwaltschaft. Lediglich das Oberlandesgericht hat es vorgezogen, sich in Richtung Zeil in einem Hochhaus zu separieren. Aber es ist der verschlungene Komplex, in dem die eigentliche Musik spielt.

Wer die Frankfurter, wer die Hessen verstehen will, der sollte durchaus mal ein paar Tage bei Gericht verbringen. Hier lernt man viel. Denn es ist ja nicht so, dass die meisten Fälle hier das Kaliber des Kindermörders Magnus Gäfgen, des Kannibalen von Rotenburg Armin Meiwes oder aber des Baugummilöwen Jürgen Utz Schneider erreichen würden. Hier geht es meist ums pralle Leben, um ein Leben, das manchmal eben auch bei knorrigen Hessenköppen die Grenze zur Legalität überschreitet.

Ein guter alter Bekannter ist etwa der "scharfe Otto", ein Mann, der sich diesen nom de guerre mit seinem mehr als 80 Lenzen ehrlich erarbeitet hat. Als ihm einmal vorgeworfen wurde, als angeblicher Aktzeichner (zeichnen kann der scharfe Otto nun wirklich nicht) Frauen belästigt zu haben, da schmetterte er dem Staatsanwalt entgegen: "Ich hatte tausende von Frauen. Wie viele hatten Sie?"

Unlängst musste er sich wegen Körperverletzung verantworten - der rüstige Greis hatte einen anderen Mann mit einem Faustschlag zu Boden gestreckt. Vorausgegangen war ein verbaler Streit. "Herr Richter, es muss in einem Rechtsstaat möglich sein, ein Arschloch Arschloch nennen zu dürfen." Wer wollte da schon widersprechen?

Auf Verständnis hoffte auch Vogel-Franz, ein rechtschaffener Handwerker aus dem Bahnhofsviertel, der in seiner Verzweiflung über von Tauben vollgeschissene Balkone zum Luftgewehr griff. Ein Gutachten sollte hier klären, ob die abgeschossene Taube vor ihrem Tod Schmerzen gelitten habe. Den Vogel aber schoss Franzens Anwalt ab, der mit einer Stoffmaus und einer Mausefalle dem Gericht beweisen wollte, dass dem nicht so war.

Das Gericht untersagte den Quatsch, der Anwalt begann zu randalieren und war kurz davor, von Saaldienern gebändigt werden zu müssen. Vogel-Franz aber hatte jetzt vielmehr Angst vor seinem Anwalt als vor Taubenkot, gab alles zu, gelobte Besserung und verließ den Gerichtssaal als ein ein wenig ärmerer, aber restlos geläuterter Mensch.

Auch ein echter Hessenkopp: der kräftige Kerbeborsch aus Nieder-Eschbach, den seine Freundin gerne mit der Heißklebepistole folterte. "Normal ist, wenn der Mann die Frau schlägt - bei uns war's ebe annersrum", klagte er dem Gericht sein Leid.

Ob er sich denn nicht gewehrt, ob er denn gar nichts getan hätte, wollte der Richter wissen. "Doch, isch hab in mei Kisse geweint." Wer solche Hessen nicht leiden kann, der hat kein Herz.

Da ist es schmerzlich, dass Frankfurts beherzteste Justizangestellte dieses Jahr in Rente ging. Vor der Edda hatten alle Respekt: Richter, Zuschauer, Zeugen, Angeklagte. Denn Edda machte "immer nur mei Abbeit" - aber die gründlich und gnadenlos. Als ein Mitglied der Rocker-Gang Hells Angels, der wegen Totschlags vor Gericht stand, ein menschliches Verlangen packte und er in Handschellen und unter Bewachung vom Tribunal zum Urinal gebracht wurde, war dieses defekt.

Den Besuch eines weiter entfernten wurde von der Edda strikt untersagt - gleich werde die Verhandlung nämlich fortgesetzt. "Aber der arme Kerl muss doch pinkeln", sagte ein gnadenvoller Polizist, doch da war er bei der Edda an die Unrechte geraten: "Das hätte er sich überlegen sollen, bevor er einen anderen absticht."

Es sind diese Kleinigkeiten, die die Frankfurter Gerichtsbarkeit - so monströs auch manche Fälle sind, die hier verhandelt werden - letztendlich so sympathisch macht. Und es ist eine ideale Schule für die, die die Hessen verstehen wollen.

Autor:  STEFAN BEHR
Datum:  31 | 12 | 2008
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