Abgeschirmt und sicher sitzen sie hinter ihren weißen Wallgrenzen. Aber die kreisrunden Schutzzonen, die von der Besuchertribüne aus ein wenig wie Inselbars aussehen, dienen nur noch der Optik - und der Nostalgie.
Die Skontro-Führer der Wertpapier- und Handelsbanken in der alten Börse am Börsenplatz brauchen keinen Schutz mehr vor den Massen schreiender und aufgepeitschter Händler, die stimmgewaltig ihre Order vom Kaufen und Verkaufen durch den Saal schreien. Wallstreet-Romantik. Mit dem modernen Handelsplatz Frankfurt hat das nichts zu tun.
Es ist ruhig geworden auf dem Parkett, selbst morgens um Neun. Eröffnung des Handels und gleichzeitig High Noon für Frankfurts Börsianer. "Jetzt müssen sie den Auftragsstau abarbeiten", sagt Bastian Lange, studierter Betriebswirt, der seit 2002 Besucher durch die Börse führt.
"Die Wall Street handelt abends länger, morgens fangen die Asiaten früher an, wir müssen reagieren." Erregt scheint dennoch niemand. Nur die gedämpften Stimmen der 150 Skontroführer sind zu hören, die jeweils hinter ihren sechs Flachbildschirmen sitzen, Kurse verfolgen und die Order in den elektronischen Auftragsbüchern auf ihren Bildschirmen abarbeiten. Lässig. Cool. Obwohl sie allein mit den 30 im Dax gehandelten Werten locker fünf bis acht Milliarden Euro pro Tag bewegen. Und bis zum Handelsschluss etwa zwölf Milliarden. "Es werden sicher über ne halbe Million Transaktionen pro Tag abgewickelt. An Spitzentagen sogar eine Million."
Als Student hat Lange bei der Börse reingeschnuppert und ist regelrecht hängen geblieben: "Ein absolut spannendes Umfeld. Jeden Tag passiert was Neues, man wird ständig neu gefordert." Und er muss ebenso schnell auf Entwicklungen in Asien wie USA reagieren können, Antworten geben wie die Händler unten auf dem Parkett. Täglich erklärt er Besuchern die Basics von Xetra- und Parketthandel oder die Weltkarte a n der die größten Börsen des Globus aufleuchten.
Führt sie hoch zur umgebauten, modernisierten Besuchertribüne, die fast als Schaltzentrale von Raumschiff Enterprise durchgehen könnte. Auf den schwarzen Glasfliesen sind in weißer Schrift die größten Aktienunternehmen notiert, die im DAX, TEC-DAX oder MDAC geführt werden. Sobald sie steigen oder fallen, leuchten sie grün oder rot auf. "Damit die Besucher erleben, dass ständig was passiert."
Das sehen sie aus der Ferne auch am ständigen Geratter der Anzeigentafeln. Ein jeder der 10.000 an der Börse gehandelten Werte ist auf den wandhohen Tafeln rund um den Handelssaal minütlich zu verfolgen. Was in der Vergangenheit war, können die Besucher an Leuchttischen wie im Museum anklicken. Vergangene Börsen-Crashs, 9/11 oder Fusionsgelüste der Weltbörsen.
2006 hat die Deutsche Börse den alten Handelssaal samt Wandvertäfelungen von Grund auf renoviert und mit neuer Technik ausgestattet. Nicht nur für die Börsianer, die Optik ist auch fürs Besuchervolk. Immerhin kommen 45.000 pro Jahr, freie Termine sind eng gesät.
"Die Börse ist eine Attraktion", sagt Lange. Aber nicht nur wegen der Faszination des großen Geldes - immerhin ist die Deutsche Börse AG mit einem Volumen von 9,5 Milliarden Euro die größte Börsenorganisation der Welt. Schon das Gebäude und vor allem Bulle und Bär sind ein Muss für jeden Frankfurt-Besucher, ist Lange überzeugt: "Bulle und Bär gehören sicher zu den meistfotografierten Objekten."
Einmal den Stier beim Horn gepackt - drinnen scheint niemand an solche Sentimentalitäten zu denken. Doch der Schein trügt. Bisweilen wird's sogar auf dem High-Tech-Parkett richtig rührselig nostalgisch: "Wenn ein Unternehmen an die Börse geht", erzählt Lange. Dann ist großer Auftrieb, kommen Unternehmensvorstand, Anwälte, Bankberater in den Saal und dürfen zu Handelsbeginn um 9 Uhr die rund 400 Jahre alte Börsenglocke läuten. "Da sollten sie mal sehen wie manche coolen Unternehmer plötzlich weinen können."

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