Der Name des Platzes ist Thomas Feda fremd. Willy-Brandt-Platz, sagt der Tourismus-Chef behutsam, "vom Gefühl her" sei dieser gepflasterte Fleck inmitten der Stadt zwischen Neuer Mainzer und Gallusanlage für ihn nach wie vor der Theaterplatz. Selbstverständlich weiß Feda nur zu gut, dass das nicht stimmt. Schließlich hat man den Platz vor anderthalb Jahrzehnten nach dem von vielen verehrten ehemaligen Bundeskanzler benannt, der kurz zuvor in Berlin die historische Zäsur beschworen hatte, mit der nun zusammenwachsen könne, was auch zusammen gehöre.
Der Willy-Brandt-Platz ist heute ein schmuckloses Fleckchen, an dem sich niemand aufhält, der sich dort nicht aufhalten muss. Etwa weil er in der benachbarten Europäischen Zentralbank arbeitet und zur Mittagszeit etwas Ruhe auf den Bänken zur Gallusanlage abbekommen möchte. Oder weil er abends in die Oper will.
Als zentraler Ort der Innenstadt ist der Willy-Brandt-Platz für Besucher des Schauspiels wie der Oper ein steter Bezugspunkt. Unter der Bezeichnung Theaterplatz, die der Raum zwischen Schauspiel und Gallusanlage um die Wende zum 20. Jahrhundert bis 1992 erhielt, ist der Platz bis heute im Bewusstsein der Frankfurter bekannt.
Die Europäische Zentralbank hat gegenwärtig an dem Platz ihren Hauptsitz. Darauf weist das überdimensionale Euro-Zeichen in der Grünanlage hin. In den kommenden Jahren will das Geldinstitut neu bauen und das Hauptquartier in den Osten der Stadt verlagern. Dann dürfte sich die Frage, was aus dem Willy-Brandt-Platz wird, dringlicher stellen.
Neben dem Schauspielhaus errichtete Friedrich Hausmann, ein Bildhauer des Jugendstils, zwischen 1908 und 1910 einen der schönsten Zierbrunnen der Stadt.
Die Oper des Jahres, sagt Feda pflichtschuldig, weil sich so etwas doch für den Standort gut macht. Oder auch weil er der Theatralisierung der Strauss-Operette im benachbarten Schauspiel beiwohnen möchte. Oder weil er an der kaum merklichen, weil ebenerdig eingelassenen Trasse der Straßenbahn zwischen Römerberg und Hauptbahnhof umsteigen muss.
"Aus dieser Achse", gerät Feda geradezu ins Schwärmen, dieser Verbindung zwischen Entrée der Stadt und Zentrum der Stadt, "da lässt sich doch etwas machen." Nun wolle er sich nicht den Kopf der Stadtplaner zerbrechen, setzt der Chef der städtischen Tourismusgesellschaft an, aber die jetzige Nutzung des Platzes stehe nunmal in keinem Verhältnis zu seiner realen Bedeutung. Schließlich lasse sich doch von dieser Stelle aus das gesamte Panorama der Stadt entfalten. Das geht dann so: Man stelle sich mit dem Rücken der Oper zugewandt an die leicht zu bewältigenden Treppen, die zur Trasse der Tram hinauf führen und blicke entschlossen in Richtung Gallusanlage.
Prompt wandert der Blick über das großzügig dimensionierte Euro-Zeichen vor der Zentralbank über das Japan-Center hinweg zum Opernturm, dann zur Baustelle der Deutschen Bank und sinkt dann entlang der Taunusanlage bis hin zur Dresdner Bank allmählich ab. Augenblicklich entsteht ein Eindruck von dieser Stadt, die den Geldmanagern Platz bietet und ihren Grüngürtel zu schützen weiß. Die Wallanlagen um den engeren Bereich der Innenstadt inklusive, die Stadtgärtner Sebastian Rinz anlegen ließ, nach dem man die Stadtbefestigung geschliffen hatte.
"Mit diesem Platz", da ist Feda völlig überzeugt, "da lässt sich doch etwas machen." Das allerdings setze voraus, den Ist-Zustand zu analysieren: So werde der Platz unterschätzt, besitze aber "keinen Durchlauf". So also stelle sich die Frage, wie sich Menschen jenseits der Spielzeiten von Schauspiel und Oper an diesen Platz bringen ließen. Und da müsse man auf jeden Fall festhalten: "Animierend ist das gegenwärtig auf jeden Fall nicht."
Von dieser Sicht der Dinge aus kann jedes weitere Nachdenken einsetzen. Also sollte man Feda zufolge durchaus erwägen, ob man vor die Oper nicht mit einer Bestuhlung Flaneuren ein Angebot mache. Vielleicht wäre dann auch für den Brunnen etwas gewonnen, von dem nur wenige, Besucher ohnehin, aber auch Frankfurter wissen, dass man dieses durchaus spektakuläre Gebilde Märchenbrunnen nennt.
Wegen der jungen Frau, die, frisch restauriert, auf der Spitze des Brunnens zur Untermainanlage hin sitzt. Es ist ein Werk von Friedrich Hausmann, eines bedeutenden Bildhauers des Jugendstils. Dank einer Stiftung des Industriellen Leo Gans, des einst wirkungsmächtigen Casella-Manns, entstand das Wasserwerk in den Anfangsjahren des zurückliegenden Jahrhunderts. Hausmann orientierte sich am Bild einer Grotte, auf die sich die barbusige Mainnixe stützen kann.
"Ein wundervoller Zierbrunnen", findet Tourismus-Manager Feda und geht gleich auf den Wunsch der aus Malaysia angereisten Familie ein, doch bitte ein Foto mit Nixe zu machen. Kommen Gäste hierher, glaubt Feda, dass es Zufall ist. Bewusst zumindest hält von denen, die auf der zentralen Achse durch die Stadt an den Willy-Brandt-Platz gelangen, an diesem Brunnen keiner einen Moment lang inne.
Dabei erschließt sich doch vom Rand des Märchenbrunnens erst die wahre Dimension des rechteckig strukturierten Platzes, der ein Gefühl der Weiträumigkeit entfaltet, das ansonsten vielleicht nur noch am Rathenauplatz entsteht. Dieser Platz aber heißt Willy-Brandt-Platz.

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