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frankfurt: Lenaustraße im Nordend wird erste atomwaffenfreie Zone

Nach der Friedensdemonstration 1982 in Bonn entsteht in Frankfurt eine breite Bewegung gegen die Kriegsgefahr

Mit drastischen Bildern protestierten Frankfurter vor 20 Jahren gegen die so genannte Nachrüstung.
Mit drastischen Bildern protestierten Frankfurter vor 20 Jahren gegen die so genannte Nachrüstung.
Foto: FR-Archivbild: Ullrich

Sonderzug nach Bonn: Zur großen Friedensdemonstration am 10. Juni 1982 in den Bonner Hofgarten zu fahren, war auch für die im Anti-Startbahnkampf gestählte Frankfurter Linke Ehren- und Herzenssache. Die Auflage "Mitführen von Tüchern, Masken, etc. nicht gestattet" erübrigte sich bald, denn die über 300 000 Demonstranten verhüllten sich doch: Es regnete in Strömen. Die FAZ fragte hinterher entgeistert: "Wer sucht da Einfluss zu nehmen? Wer kann das steuern?"

Ja, wer? Mancher Vordenker von damals zeigt sich noch heute richtungweisend. Die Autorin Eva Demski rät Anfang der Achtziger der Bewegung, "sich nicht in eine Ecke von Gesundheitslatschen und gutem Willen drängen zu lassen". Der Psychoanalytiker Horst Eberhard Richter erkennt in der schweigenden Mehrheit "eine Angst, zu begreifen, auf welchem Pulverfass wir sitzen".

Zum Höhepunkt eines Friedensforum im Juni 1982 in der Frankfurter Universität, das 2500 Teilnehmer in acht Hörsälen zusammenführt, setzt das "Frankfurter Kurorchester" den Schlussakkord. Auch unter die Frage einer Zuhörerin, man wolle doch hoffentlich "nicht die Friedensbewegung, diese schöne, erregende Sache, zum Vehikel für den Klassenkampf machen"? Von da an ging's voran: Zu einem "Friedensmarsch" beispielsweise, der an der Arbeiterselbsthilfe in Niederursel endet. Und weiter mit der "Friedensinitiative" zum "Friedensfest", oder mit den "Friedensfrauen" zur "Friedenswerkstatt".

Der Frankfurter Kritikaster Matthias Beltz zieht mit seinen Partnern Hendrike von Sydow und Dieter Thomas als "Vorläufiges Frankfurter Fronttheater" mit dem Programm "Freak und Frieden" durch das von der Nato-Nachrüstung erbebende Land. Die Bewegung, als deren Teil die Truppe sich bekennt, ist den Dreien dennoch nicht geheuer: "Mit welcher Begeisterung da ausgerechnet wird, was diese Bomben alles können, das ist fast wie die Begeisterung der Leute, die sie dann anwenden würden(. . .) Der Frieden wird zum Lebensinhalt, und irgendwann muss der Krieg kommen, weil's Leben sonst sinnlos wird", resümiert das Trio im Interview.

Als Strategie gegen die angekündigten US-Raketen für 1983 war dann ausgegeben: "Blockade aller Stationierungsorte".

Das wird schweren Zoff geben am Munitionsdepot Hausen zum Jahresende. Sternförmig und friedlich laufen noch im Frühjahr die Ostermärsche mit 60 000 Leuten aus allen Himmelsrichtungen in der Stadt ein, die Massen hören dem Theologen Helmut Gollwitzer und der "roten Heidi" Wieczorek-Zeul (SPD) auf dem Paulsplatz zu. Das Nordend erhält nach schön demokratischer Befragung und Abstimmung in der Lenaustraße seine erste "atomwaffenfreie Zone" - 153 von 265 befragten Haushalten geben der "Friedensaktion Nordend" dazu das Ja-Wort.

Der Herbst wird dann heiß: Im Umfeld einer Bundestagsentscheidung für oder gegen neue Atomraketen wachsen die verbindenden Menschenketten, breiten sich Todesgefahr symbolisierende Menschenteppiche auf den hiesigen Straßen aus. Die Teilnehmer sind jung, viele Schüler darunter. Fast die gesamte Sozialverwaltung, 700 städtische Angestellte, schicken den Frankfurter Bundestagsabgeordneten einen dringlichen Brief. Ein "Gegenparlament" wird von der Stadt aus der Paulskirche komplimentiert. Von der "Neuen deutschen Welle" wird der Schlager zum Ohrwurm: "Besuchen Sie Europa, so lange es noch steht. . ."

Als die Stadt eine viertägige Blockade des Munitionsdepots in Hausen verbietet, gibt es da draußen vier Tage Demonstrationen, fliegen Steine, und Wasserwerferkanonen kommen zurück. Hass gegen "die Bullen" trifft auf knüppeldicke Härte der Staatsmacht gegen die "gar nicht friedlichen Friedenskämpfer" (FR).

Schon ein Jahr drauf sind die Debatten über Krieg und Frieden wieder in die Säle verlegt, die Massen haben sich verlaufen. Die Bewegung kommt endgültig im bürgerlich-humanistischen Teil der Gesellschaft an: Bei den "Ärzten gegen Atomkrieg" und den Kirchen. Was Krieg bedeutet, wird dann wieder aus der Geschichte her geleitet: Die nicht mehr sehr zahlreichen Friedensbewegten gedenken der Befreiung vom Nationalsozialismus, der Atombombenopfer von Hiroshima und stehen zusammen zum Antikriegstag am 1. September. Über die Jahre des segensreichen Wirkens von Michail Gorbatschow (seit 1985) und bis mit der Golfkrise wieder Krieg naht, wird ein Stadtteil nach dem anderen zur "atomwaffenfreien Zone".

Autor:  Claudia Michels
Datum:  1 | 2 | 2003
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Zeitgeschichte

Wiedervereinigung, Mauerfall, Deutscher Herbst, 1968, der Frankfurter Auschwitzprozess und das Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944.

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