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Frankfurter Zoo: Beruf: Star-Gorilla

Es ist so weit: Viatu, der neue Gorilla-Mann, stellt sich erstmals der Öffentlichkeit vor. Er hat ein schweres Erbe: Der geliebte Matze war sein Vorgänger. Lia Vennhat ihn erlebt.

Der Neue im Zoo: Viatu, der Gorillanachfolger von Matze.
Der Neue im Zoo: Viatu, der Gorillanachfolger von Matze.
Foto: FR/Alex Kraus

Junge, Junge. Was für ein Mann! Ohne Zoodirektor Manfred Niekisch, Dezernent Felix Semmelroth, Kurator Thomas Wilms, ZGF-Geschäftsführer Christof Schenck, Reviertierpfleger Carsten Knott und all den anderen Herren zu nahe zu treten - Viatu hat trotz zurückhaltenden Auftritts am Freitag im Frankfurter Zoo so einige Herzen im Sturm erobert.

Obwohl er "Sandale" heißt, wie sich das Suaheli-Wort übersetzen lässt. Einen besonderen Grund gibt es für den Namen nicht, im Baseler Zoo sind die Geburten an Jahrgänge gebunden, Viatu kam in einem V-Jahr zur Welt. Gestern hat er im Borgori-Wald erstmals sein neues Gehege betreten - wenn auch noch nicht sehr ausführlich.

Seit Dienstag ist der Neunjährige, im Gorilla-Alter etwa 18, aus dem Baseler Zoo in Frankfurt. Wilms und Knott haben ihn mit einem Kleintransporter abgeholt. Viatus frühere Pflegerin Gaby Rindlisbacher kam auch mit, als Vertrauensperson für Viatu sozusagen , der nach fast zehn Jahren von seiner Familie getrennt wurde und in eine völlig neue Umgebung ziehen musste.

Hier spricht auch niemand Schwyzerdütsch. Wie toll es trotzdem für ihn in Frankfurt werden kann, ahnt er nicht. Obwohl, riechen zumindest kann der künftige Silberrücken seine neue Familie schon.

Viatu riecht sehr herb und männlich

Die Gorilla-Frauen Rebecca, Jule, Dian und Ruby haben auch schon gemerkt, dass da Jemand ist, im Gehege gegenüber. "Sie haben heute morgen auf den höchsten Ästen gesessen, um rübersehen zu können", sagt Niekisch. Viatu rieche zudem "sehr herb und männlich", sagt Kurator Wilms. Es wird Zeit, dass die Frauen einen neuen Mann bekommen, die Gruppe wieder einen Mittelpunkt hat. In der Natur rückt nach dem Tod eines Silberrückens schnell ein neuer nach.

"Die Gruppenstruktur hat sich bei unserer Familie schon etwas gelockert", sagt Wilms, ist sich aber sicher, "dass sich die Hierarchie nicht groß verschieben wird". Rebecca ist das ranghöchste Weibchen, die älteste, Jule, ist so ein bisschen außerhalb, wie Wilms sagt, dann kommt Dian und zuletzt Ruby. "Sie hat sich immer zu Matze verzogen, wenn es Stress gab, hat sich einfach zu ihm gesetzt und fühlte sich geschützt", sagt Wilms. "Da muss man mal sehen, wie Viatu damit umgeht."

Noch sind die Damen recht gelassen, Rebecca beißt in einen Broccoli, wieder ganz weit oben sitzend - mit Blick auf das spannende Gehege gegenüber. Sohnemann Kabuli jagt derweil durchs Gehege, sein Brüderchen Fritz sitzt bei der Mama. Es ist immer wieder rührend, wenn sich die Sonne in diesen kleinen Äuglein spiegelt - in das alte Menschenaffenhaus schien die Sonne nie. Fritz rast jetzt los, dem Bruder hinterher und beide machen sich weiter keine Gedanken über ihren neuen Vater.

Vermuten wir mal. Viatu bleibt noch eine Weile allein, dann wird der Schieber im Zwischengang der beiden Anlagen geöffnet, aber nicht rausgenommen, sodass sich Damen und Herr auch mal berühren können. "Wenn wir merken, die können nicht mehr voneinander lassen, nehmen wir den Schieber raus", kündigt Niekisch an. Und dann kann das losgehen.

Aus dem Schwarzrücken werde dann vermutlich in kürzester Zeit ein Silberrücken. "Sobald Gorilla-Männer keinen anderen Chef über sich haben, bekommen sie einen regelrechten Hormonschub und verändern sich recht schnell", sagt Niekisch. Der hofft, dass Viatu ein ebenso großartig züchtender Gorilla-Mann wie der im August verstorbene Matze wird, der es auf 18 Nachkommen brachte. Da Viatu auch in einer Familie aufgewachsen ist, in der es auch Jungtiere gab, wissen Knott, Wilms und Niekisch, dass er mit den Kleinen gut umgehen wird. Gaby Rindlisbacher, die ihn am besten kennt, beschreibt Viatu auch als einen ganz ruhigen und besonnen, entgegenkommenden und freundlichen Gorilla. Wer ihn erlebt, glaubt ihr das sofort.

Viatu macht es der zahlreichen Reporterschar allerdings erstmal ganz schön schwer. Der kommt doch einfach nicht aus seiner Box? Das ist ja auch alles so neu für ihn, Naturboden kennt er vom Baseler Zoo gar nicht und hier riecht es anders, sieht es anders aus", sagt Knott. "Der darf sich hier in aller Ruhe eingewöhnen, wir machen ihm da überhaupt keinen Zeitdruck", sagt Niekisch, vielleicht eine Spur lauter, als spreche er zum Gorilla. Der schaut gerade in bester Killroy-Manier nur so eben über den Rand seiner Einzelbox. Neugierig, aber noch recht scheu ist er. Und wunderschön.

Das würde vielleicht nicht jede Frau von einem 138-Kilo-Mann behaupten, aber in diesem Fall wird Widerrede nicht geduldet. Als er endlich einmal kurz herauskommt, bewegt er sich ganz langsam, zögerlich, wie in Zeitlupe. Sein Fell hat den für westliche Flachlandgorillas typischen Braunton. Er ist anders als Matze, natürlich, aber es hat den Anschein, dass er genau so ein Charakter-Tier ist. Zurückhaltend neugierig schaut er sich die bemalte Gehegewand an, riecht am Kletterseil, nimmt mit seinen riesigen Händen vorsichtig eine Möhre und eine Fenchelknolle auf und wendet sich wieder Richtung Box.

Niemand will wissen, was er wirklich denkt

Wie viel Kraft in ihm steckt, zeigt sich bei jeder Bewegung. Nochmal dreht er den Kopf, schaut sich um, als denke er: "Wer seid ihr? Was wollt ihr alle von mir? Ist mir noch ein bisschen viel mit euch, lasst mir noch etwas Zeit, dann freunden wir uns an." Realist Carsten Knott: "Das wollen wir gar nicht wissen, was der wirklich denkt."

Semmelroth dagegen macht keinen Hehl draus, dass er den Neubürger bewundert. "Der Schwerenöter hat ja schon eine Tochter." Stimmt, am Silberrücken vorbei hat Viatu in Basel seine Zeugungskraft bereits unter Beweis gestellt und ist Vater eines Mädchens. "So ein Verhalten ist bei Gorillas sehr ungewöhnlich", sagt Niekisch.

Da haben wir also einen ganz Besonderen, aber das ist ohnehin jedem klar, der ihn sieht - und den er ansieht. Und dann sieht Viatu für einen Moment ganz gelöst aus, schaut einen durch seine dunklen Augen unter den gewölbten Stirnwülsten ruhig an…flirtest du? Der Gesichtsausdruck -ja, es ist ein Gorilla, aber das kann man einfach nicht anders sagen -, verändert sich, entspannt sich, er sieht zufrieden aus. Viatu lächelt.

Autor:  Lia Venn
Datum:  17 | 10 | 2008
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