Morgen muss ich mich entscheiden. Entweder die Ahornallee gegenüber dem Löwentor, die ich gerade hochlaufe, oder die Kastanien am Rhönring. "Absolut seriös," werde ich angesprochen, "am Spessartring 5 sind es am 29. Februar bei Westwind zwischen 16.34 Uhr und 17.12 Uhr 12,28 Dezibel weniger Lärmbelastung." Vertrauen ist gut, Google ist besser.
"Hey," ruft jemand vom Biergarten, "wir haben hier einen polnischen Lkw-Fahrer, der nach Hamburg wollte, aber von der Umgehung Nieder-Ramstadts angezogen wurde. Sehr informativ!"
Es ist nicht leicht. Die südhessische Zahnärztekammer und die Bäckerinnung sind dafür, die deutsche Trampolinjugend und der Landesjagdverband sind dagegen. Wer hatte einen Radweg im Tunnel und wer den vierspurigen Ausbau des Rhönrings gefordert? Differenzierte Stimmen haben es da schwer. Keiner der Spitzenkandidaten zur Europawahl hat sich zur Umgehung geäußert. Wen wählen?
In der August-Buxbaum-Anlage spielen die Kinder "Trassengegner-Lynchen". In den Vorgärten kokelnde Mülltonnen, eingeschmissene Scheiben, verschmierte Hauswände: Auch das ist gelebte Demokratie. Ein Auszug findet unter Polizeischutz statt. Allein in meinem Bekanntenkreis sind sechs langjährige Beziehungen zerbrochen. In einem Internetforum habe ich gelesen, der Rhönring sei in Wirklichkeit unbewohnt. Am Washingtonplatz steht ein Polo mit abgestochenen Reifen. Auf dem Kofferraum der Wörner-Aufkleber: Ich bremse auch für Trassengegner. Es geht vernünftiger.
Am Hahneschorsch-Platz hat die Initiative "Grüne für Dieter Wenzel" einen Stand. Ohne ihn kämen sie nie über dreißig Prozent.
Sonntagabend gucken die Frau und ich DVD: "The Day After". Sie traut mir nicht. Ob 20 Euro Bestechungsgeld reichen, dass uns die namibischen Blauhelmsoldaten gemeinsam in die Wahlkabine lassen?

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