Keine Pasteten, kein Prosecco und keine polierte Schaufeln für posierende Politiker: Ohne offiziellen Spatenstich mit dem üblichen Brimborium haben die Kraftwerke Mainz-Wiesbaden (KMW) am Dienstag mit dem Bau des 1,2 Milliarden teuren Kohlekraftwerks auf der Ingelheimer Aue begonnen. Das teilte KMW-Sprecher Michael Theurer mit.
Der Baustart war nach dem kürzlich erteilten Vorbescheid der Struktur- und Genehmigungsbehörde Süd (SGD) zwar zu erwarten, die jetzt an den Tag gelegte Heimlichkeit indes nicht. Auch die Gegner des umstrittenen Milliardenprojekts waren von der Nachricht überrascht.
Alles zum Bau des Kohlekraftwerks auf der Ingelheimer Aue in einem FR-Spezial
"Die Bagger sind am Zug"
Wie KMW-Sprecher Theurer weiter mitteilte, sind seit Dienstag "auf dem Baufeld die Bauarbeiter und Bagger am Zug". Als erstes solle die Baustelle eingerichtet und der Kamin für das Kohleheizkraftwerk gebaut werden. Anschließend werde alles für die Kohleverladung am Rhein vorbereitet. Für diese Schritte liegen den KMW Teilgenehmigungen der SGD vor. Diese fehlen noch für die anschließend fälligen Pfahlarbeiten und den Aufbau der riesigen technischen Anlagen.
Die 820-Megawatt-Anlage soll nach KMW-Angaben 2013/14 das bestehende Gas- und Dampfturbinenkraftwerk ablösen. Der Kohlemeiler sichere eine "zuverlässige und bezahlbare" Energieversorgung im Großraum Mainz-Wiesbaden sowie die Zukunft der KMW, so Theurer weiter.
Eilantrag gegen den Baubeginn
Kraftwerksgegner wollen per Eilantrag den Bau stoppen. "Es ist eine absolute Provokation von der KMW, gerade jetzt mit den Bauarbeiten zu beginnen", schimpft Christoph Wirges von der Bürgerinitiative Kohlefreies Mainz (Koma). Die Städte Mainz und Wiesbaden bereiten schließlich gerade eine Klage gegen den von der Genehmigungsbehörde erteilten Sofortvollzug vor. Die endgültige Baugenehmigung stehe zudem noch aus. Es sei ein Skandal, dass die KMW einen Rückbau riskiere.
Nach dem Absprung eines Großkunden steht der Kohlemeiler für die Kraftwerksgegner zudem wirtschaftlich auf immer wackligeren Füßen. In der vergangenen Woche hatte der Darmstädter Energiekonzern HSE seine Option auf 120 Megawatt zurückgegeben. Und jetzt stellte die Vertriebstocher Entega klar, auch keinen Stromliefervertrag abschließen zu wollen. Falls bei Entega dennoch eine Abnahmepflicht bestehen sollte, wird das Unternehmen eigenen Angaben zufolge die 35 Megawatt Kohlestrom im Großhandel vermarkten, aber nicht an eigene Kunden abgeben.
Das geplante Kohlekraftwerk soll eine Netto-Leistung von 760 Megawatt haben. Nach Koma-Informationen werden die Stadtwerke Mainz und Wiesbaden (Eswe) jeweils 120 bis 150 Megawatt Kohlestrom abnehmen. Die Kohle-Gegner vermuten nun, dass die übrigen 460 bis 520 Megawatt für den Export und Handel an der Leipziger Strombörse vorgesehen sind. "Der Strom geht weit weg, der Dreck bleibt hier", so Wirges.

Die Stadt und Region auf einen Blick: unsere neue Übersichtsseite für Frankfurt und Rhein-Main - das Pflicht-Lesezeichen für alle Hessen.
Berichte aus Bad Homburg, Hochtaunus | Bad Vilbel, Wetterau | Darmstadt | Frankfurt | Kreis Groß Gerau | Hanau, Main-Kinzig | Main-Taunus | Mainz | Offenbach | Kreis Offenbach | Wiesbaden.
Von Wiesbaden über Frankfurt bis Hanau - Die Stadt und die Region auf einen Blick
Offenbach bangt um einen großen Arbeitgeber: Die Krise beim insolventen Druckmaschinen-Hersteller Manroland.
Facebook | Twitter überregional | Google+