Jetzt steht sie da, die Großmarkthalle, von den höchsten Baukränen überragt, von den bereits abgetragenen Backsteinen ihrer eigenen, 80 Jahre alten Geschichte umstellt. Ein verletztes Denkmal. Die lange umkämpften Annexbauten sind schon gefallen, ihre übriggelassenen Steine sollen zum Ausbessern des Mauerwerks der 220 Meter langen Haupthalle dienen.
Das berühmte Tonnengewölbe soll (oder sollte?) ja durchschlagen werden, um einen spektakulären Eingang für die Banker zu bauen. Um die Halle mit gewaltiger Freitreppe und hochgestapelten Innenräumen zu füllen. In Kürze, wenn das Baufeld bereitet ist, wenn es an den Hochbau gehen sollte, werden laut Ankündigung der EuropäischenZentralbank die Arbeiter von Züblin abziehen. Das Bauloch für die in einander verschraubten Hochhausscheiben, an deren Spitze sich die Banker von Coop Himmelb(l)au eine Art Global Office zum Rundblick auf die europäische Finanzwelt entwerfen ließen, soll aber noch ausgehoben werden. So geht es, statt in die Höhe, erstmal in die Tiefe.
Ein "unique landmark" sollte die Großmarkthalle samt den Türmen schon beim Blick aus der Ferne darstellen, eine "strong identity", ein europaweites Zeichen, wollte Architekt Wolf D. Prix setzen, wie er sich bei einer der zahlreichen Pressekonferenzen dieser bis März 2002 zurückreichenden Planungsgeschichte entlocken ließ. Damals hatte die Stadt Frankfurt ihre leere Markthalle mit dem 120 000 Quadratmetern großen, fast bis zum Main reichenden Grundstück an die Bank verkauft. Und versprach, den über 2000 Bankern für ihren Weg vom Flughafen zur Arbeit im Frankfurter Ostend auch noch eine Brücke über den Main zu errichten.
Worauf man jetzt wirklich bauen kann, ist das Kulturdenkmal Großmarkthalle, diese seit Jahrzehnten in einschlägigen Kreisen bekannte Pilgerstätte. Denn so ein langes und dabei stützenfreies Tonnengewölbe, ein Dach mit einer solchen Spannweite, hatte vor Martin Elsaesser und vor dem Jahr 1928, als der Architekt in Frankfurt städtischer Baudirektor war, noch niemand geschaffen.
Nachdem die Bank auf das Grundstück zugriff, wurden freilich die Argumente der Bauhistoriker und Denkmalschützer, des Deutschen Werkbunds, des Städtebaubeirats, der Römer-Grünen und der Römer-Roten gegen das Zerschneiden der Halle erst leiser, dann verebbten sie gänzlich. "Wozu überhaupt noch Denkmalschutz?", fragte öffentlich Christian Rusch, der Ortskurator der Deutschen Stiftung Denkmalschutz. Und: "Warum schweigt die Oberbürgermeisterin dazu?"
Der Streit war allmählich während der verschiedenen "Optimierungsphasen", die die EZB nach Ende des Architekten-Wettbewerbs eingeläutet hatte, hochgekocht. Auf dem langen Weg der Entscheidungsfindung war ein so genannter Groundscraper, ein zwischen Main und der noch unangetasteten Großmarkthalle entworfener Parallelbau, aus den Plänen verschwunden. 2006 wagte sich Architekt Wolf D. Prix in den zuständigen Ostend-Ortsbeirat und verkündete, dass ein Teil der Hallenfassade, aufgebrochen werde. Ein Denkmal zu erhalten, bedeute eben, es zu verändern.
Plötzlich war "der Riegel" in der Welt, und saß dem interessierten Teil der hiesigen Bewohnerschaft wie ein Balken im Auge. Treuherzig verkündeten die Römer-Grünen, den Balken zunächst vor dem Gesicht gehabt zu haben: "Wir waren alle blauäugig", hieß es damals. Weil man schlicht daran glaubte, dass ein Kulturdenkmal ersten Ranges eigentlich gut geschützt sei. In einer turbulenten Sitzung des Planungsausschusses stimmten sie dann als Mitglieder der grün-schwarzen Koalition dem "bügelartigen Eingangsbauwerk als Verbindung zwischen Baudenkmal und Hochhaus" zu. Damit war der Denkmalschutz gekippt. Beim Ortstermin in der leeren Großmarkthalle staunten Journalisten anhand des Modells der massigen Doppelhochhaus-Scheiben, die sich vom Main aus vor die alte Halle schoben, über die Wucht des Entwurfs.
Doch der Versuch, ein Bürgerbegehren "Rettet die Großmarkthalle" anzustoßen, ist letztlich genauso gescheitert wie die eingereichte Urheberrechts-Klage von Martin Elsaessers Erben, die nach langem Hin- und Her an den Europäischen Gerichtshof verwiesen und damit auf die lange Bank geschoben wurde. Dieses Jahr im Mai akzeptierte die Familie, die die Halle als Ganzes geschützt wissen wollte, den Kompromiss: Geld für die Pflege von Elsaessers Erbe.

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