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Harald Schaum zur EZB: Die große Ausnahme

Harald Schaum, Regionalleiter der Gewerkschaft Bauen, Agrar, Umwelt, spricht im FR-Interview über die Hintergründe des EZB-Baustopps.

Herr Schaum, die Europäische Zentralbank gibt sich überrascht, dass sie keinen Generalunternehmer für ihr neues Quartier in Frankfurt gefunden hat. Die Situation am Baumarkt habe sich in jüngster Zeit dramatisch zugespitzt. Ist das richtig?

Nein. Diese Lage ist wirklich nicht innerhalb der letzten Wochen entstanden, sondern schon seit längerer Zeit zu beobachten. Die EZB kann davon nicht überrascht sein.

Zur Person

Harald Schaum fungiert seit dem Jahre 2003 als Regionalleiter der Gewerkschaft Bauen, Agrar, Umwelt für das Bundesland Hessen. Er gehört der Gewerkschaft jetzt mittlerweile seit 27 Jahren an.

Ursprünglich stammt der 48-jährige aus der Forstwirtschaft. Er ist gelernter Forstwirt, aber seit langem mit der Baubranche vertraut.

Was sind die wichtigsten Trends?

Erstens: Die Auftragslage für die Bauunternehmen ist aufgrund der besseren Konjunktur rapide nach oben gegangen, die Auftragsbücher sind voll. Gerade die großen Bauunternehmungen, die für ein Projekt wie die EZB erforderlich wären, kommen mit der Arbeit nicht nach. Zweitens: Die Preise für die Baumaterialien klettern und klettern. Das betrifft Zement, Kalk, Kies. Zur Herstellung von Zement wiederum ist sehr viel Energie erforderlich. Da machen sich die explodierenden Preise bei Öl und Gas bemerkbar.

Ist denn die Folge, dass sich keine Generalunternehmer mehr finden für große Projekte?

Nein, was jetzt bei der EZB passiert ist, das ist die große Ausnahme. Schauen Sie sich mal die großen Bauvorhaben am Frankfurter Flughafen an: Die haben Generalunternehmer gefunden. Nein, die Entwicklung bei der EZB muss andere Gründe haben.

Was vermuten Sie?

Nun, zum einen sind die baulichen Anforderungen bei diesem Projekt extrem hoch. Das gilt etwa für den Umgang mit der denkmalgeschützten Bausubstanz der Großmarkthalle. Es kann aber auch noch andere Gründe geben. Vor kurzem ist das europaweite Abkommen zur Bekämpfung der illegalen Beschäftigung im Bausektor in Kraft getreten. Das hat zu Kontrollen bei großen Bauvorhaben auch in Frankfurt geführt. Zugleich ist klar, dass ein Prestigeprojekt wie das neue Quartier der Europäischen Zentralbank im Fokus der Öffentlichkeit stehen wird. Das erschwert illegale Machenschaften und Dumpinglöhne weit unter dem gesetzlichen Mindestlohn. Das schreckt vielleicht manchen Unternehmer ab.

Ist die Darstellung der EZB richtig, dass die großen Bauunternehmen derzeit im Ausland mehr verdienen?

Das ist ziemlich sicher, ja. Die Profite im Ausland sind höher als in Deutschland. Deshalb sind zum Beispiel große Bauunternehmen gerne in arabischen Ländern unterwegs. Da sind natürlich auch die Löhne sehr viel billiger.

Wie könnte es jetzt weitergehen mit dem neuen Quartier der EZB?

Die Europäische Zentralbank wird jetzt mit Sicherheit nach einer Lösung suchen, mit der sie ihr Gesicht wahrt. Sie könnte eine neue Ausschreibung versuchen. Man kann das gesamte riesige Bauvorhaben aber auch in einzelne Gewerke zerlegen. Nur dann hat niemand mehr das Ganze im Auge - das ist die Gefahr.

Wird die EZB-Zentrale jetzt umgeplant?

Ja, das scheint mir sicher. Die EZB wird das gesamte Bauvorhaben abspecken.

Interview: Claus-Jürgen Göpfert

Datum:  27 | 6 | 2008
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