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Hauptbahnhof Wiesbaden: Provinzbahnhof mit pompöser Fassade

Der Hauptbahnhof Wiesbaden punktet im FR-Bahnhofstest mit hübscher Gleisverpackung, wird aber von der Deutschen Bahn Zug um Zug abgehängt. Von Gaby Buschlinger

Hübsch anzusehen, der Bahnhof, aber das Dach der Gleishalle gammelt vor sich hin.
Hübsch anzusehen, der Bahnhof, aber das Dach der Gleishalle gammelt vor sich hin.
Foto: Schick/FR

Hübsch anzusehen ist er ja, der Wiesbadener Hauptbahnhof. Trotzdem lädt das imposante neobarocke Gebäude nicht zum Verweilen ein. Innen wirkt die Halle trotz der reichlich vorhandenen Imbisse und kleinen Lädchen kalt und unpersönlich. Doch Andrea Kasprzycki aus Mainz ist das egal - als Pendlerin huscht sie ohnehin nur schnell rein und raus.

"Mich stört nur eines", sagt die Arzt-Sekretärin: "Wenn man durch den Haupteingang reinkommt, sieht man keine Uhr mit Sekundenzeiger." Nie erfahre sie sofort beim Betreten des Bahnhofs durch den Haupteingang, ob es sich noch lohnt, zu spurten oder nicht. Und dabei sei doch die exakte Uhrzeit das einzige, was Zugreisende erstmal interessiere.

Testnoten
Wiesbaden

Erreichbarkeit: Nur mit Auto und Bus prima 3 Punkte

Wege: Kleiner Bahnhof, kurze Wege 5 Punkte

Warten: Wenig Sitzplätze, kein Zeitvertreib 3 Punkte

Service: Immer Personal am Info-Point da 5 Punkte

Sicherheit & Sauberkeit: Übersichtlich und sauber 5 Punkte

Gebäude: Ein absolutes Schmuckstück 4 Punkte

Barrieren: Nur zwei Behindertenparkplätze 4 Punkte

Sonstiges: Rad-Werkstatt 3 Punkte

Gesamtnote: Dieser Bahnhof kommt pompös daher, bleibt aber durch mangelnde Zugverbindungen provinziell. 4 Punkte

Fahrgastaufkommen: mehr als 27.500 Reisende pro Tag

Zahl der Gleise: 10

Zahl der ausgewiesenen Parkplätze (inkl. P+R) 490

Zahl der Fahrradboxen: keine

Fairerweise muss angefügt werden, dass durchaus eine riesige Uhr in der Eingangshalle hängt. Doch befindet sie sich nicht auf Augenhöhe, sondern weit oben, ist antik, also ohne Sekundenzeiger, und obendrein leicht zu übersehen, weil sich die Zeiger farblich nicht von der hellen Sandsteinmauer abheben. Ansonsten ist der Wiesbadener Bahnhof mit Uhren, die auch noch alle gleich und richtig gehen, gut bestückt.

Anders als mit Bänken. Wartende und Abholer sind auf ihre Beine oder die Stehcafés und Bistros angewiesen, wo sie aber zum Konsum gezwungen sind. Doch der Mangel an Sitzbänken ist vermutlich der Tatsache geschuldet, dass der Wiesbadener Bahnhof kaum Umsteiger hat. Hier hasten in erster Linie Pendler wie Andrea Kasprzycki schnell rein und schnell raus. Entsprechend wirkt das historische Gebäude in der Regel ruhig und beinahe leer.

Wichtiger für Pendler ist denn auch, dass die Bushaltestellen oder Parkplätze nur einen Katzensprung entfernt liegen. Links und rechts des Bahnhofs gibt es insgesamt 240 Stellplätze auf drei Parkplätzen, zudem ist ein Park-and-Ride-Platz in der Nähe und das Einkaufszentrum Liliencarré bietet ein Parkhaus mit 1200 Plätzen. Radfahrer haben es dagegen etwas schwerer. Sie müssen ihre Vehikel ans stillgelegte Gleis 11 schieben, wo die vorderen der 70 Abstellstangen immer überfüllt sind. Sehr praktisch immerhin: Es gibt eine kleine Werkstatt in einem ehemaligen Waggon. Die abgesprungene Kette oder der Platten werden bis Feierabend vom "Radler" kostengünstig repariert.

Auch Touristen haben Glück: Seit Kurzem können sie sich in einer Filiale der Touristen-Information sofort nach der Ankunft mit Broschüren über die Sehenswürdigkeiten Wiesbadens eindecken.

In der Natur eines Kopfbahnhofs liegt, dass es keinerlei Barrieren gibt. Auch die Toiletten sind inzwischen wieder benutzbar, aber gebührenpflichtig.

Architektonisch ist der Wiesbadener Hauptbahnhof derweil ein Schmuckstück, das zudem vor sechs Jahren mit 25 Millionen Euro kräftig aufpoliert wurde. Von innen wirkt die Halle trotzdem "duster und schmuddelig", findet ein Pendler aus Kelkheim. Er kann aber vor allem nicht fassen, dass die Landeshauptstadt, die mit ihren Stilaltbauten und verschnörkelten Villenfassaden immer "auf schnieke und edel macht", ein undichtes Bahnhofsdach dulde und es reinregne.

Immerhin will die Bahn dies nach jahrelangem Vertrösten jetzt ändern. Die seit Jahren vor sich hin gammelnde Gleishalle soll im nächsten Jahr für rund 35 Millionen Euro auf Vordermann gebracht werden.

Das größte Manko dieses Bahnhofs kann aber auch die hübscheste Optik nicht wettmachen: Die Bahn hat Wiesbaden buchstäblich Zug um Zug von der Außenwelt abgehängt. ICEs sind hier kaum noch zu sehen, und die S-Bahn braucht etwa eine Dreiviertelstunde zum Frankfurter Flughafen und über eine halbe Stunde zum Frankfurter Hauptbahnhof.

Autor:  Gaby Buschlinger
Datum:  26 | 3 | 2010
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