Vor der Privatisierung hatten die beiden Unikliniken Gießen und Marburg reichlich Personal abgebaut. Auch danach mussten weitere erfahrene Kräfte gehen, weil ihre Zeitverträge ausliefen. "Dass der Stellenabbau noch so forciert wird, hat niemand gedacht", sagt Franz (Name geändert). Er ist Pfleger und arbeitet seit Jahren auf Intensivstationen.
Nie seien die Bedingungen so schlecht gewesen wie jetzt, sagt er. Dass sich nachts zwei Pflegekräfte um zehn Schwerstkranke kümmern, sei nicht ungewöhnlich - Patienten, die im Extremfall alle beatmet werden, dazu vielleicht noch an der Dialyse hängen, die reanimiert oder ständig überwacht werden müssen. "Eine grenzwertige Situation" nennt er das. Und fügt hinzu: "Wir haben zu wenig Leute, darunter leidet die Versorgung."
Die Konsequenz wäre, Betten nicht zu belegen. Doch das habe die Konzernleitung untersagt, berichtet Franz. "Alles aufnehmen, was kommt", laute die Anweisung für Marburg und Gießen - egal wie die personellen Kapazitäten sind.
Manche Patienten kämen nach zwei Tagen zurück, weil sie zu früh von der Intensivstation verlegt worden seien. So, sagt der Pfleger, komme es zu den steigenden Fallzahlen, womit die Klinikleitung glaube, ihren Erfolg beweisen zu können.
Auch dass die Patientenbefragung eine gute Versorgung ergab, sei nicht Verdienst der Manager, die zwar vielleicht gute Kaufleute seien, aber keine Ahnung von der Arbeit auf den Stationen hätten. "Das hier läuft noch so gut, weil wir mit viel Engagement, Herz und Menschlichkeit unsere Arbeit machen."
Wer den Pflegeberuf ergreift, neige zur Selbstlosigkeit, zum Dienen. Da klingt auch Selbstkritik mit: Keiner traue sich, aufzubegehren, meint Franz. Pfleger wie Ärzte machten sich die Klinik-Hierarchien zu eigen - weshalb womöglich manche Meldungen über Missstände nicht bis zur Konzernspitze vordringen.
Die Angst um den Arbeitsplatz beherrsche das Klima. Es muss ja nicht gleich die Kündigung sein. Auch eine Versetzung innerhalb des Konzerns - etwa nach Frankfurt/Oder - wäre für viele schrecklich. "Die Pfleger lassen sich einschüchtern", sagt Franz. Sie stellten aus Furcht keine Überlastungsanzeigen. Und das interne System CIRS, in dem anonym Probleme gemeldet werden können, werde bei der dünnen Personaldecke auch keine Besserung bringen.
Der Rhön-Konzern habe für die Uniklinik Gießen-Marburg den gleichen Personalschlüssel angesetzt wie für seine anderen Häuser - die alle keine Maximalversorgung bieten. In Gießen und Marburg sei die Zahl der Schwerstkranken jedoch ungleich höher. Und: Gute Ärzte alleine führten nicht zum medizinischen Erfolg. "Wir Pflegekräfte sind für die Krankenbeobachtung zuständig, wir müssen bei Verschlechterung adäquat reagieren."
Die Uniklinik soll "Flaggschiff des Rhön-Klinikums" sein, hieß es bei der Übernahme vor zweieinhalb Jahren. Inzwischen kursiert der Spruch: "Wenn das so weitergeht, sind wir bald eine kleine marode Dschunke."
Die Konzernspitze agiere, als würde sie eine Fabrik führen, in der die Abläufe immer gleich sind. Doch es gehe um Menschen mit individuellen Bedürfnissen. Der eine hat eine frische Bauchnaht, der andere eine Kopfblutung: "Man kann nicht jeden Patienten, der in seiner Scheiße sitzt, in zehn Minuten da rausholen", stellt Franz klar. "Das kapieren die bei Rhön nicht." Die im Grundgesetz garantierte Würde des Menschen liege im Krankenhaus bloß.

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