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Hessen: Mehr Quecksilber im Main

Die Quecksilber-Obergrenze im Main wird vielfach überschritten. Schuld daran ist auch das Kohlekraftwerk Staudinger, dessen Emissionen künftig noch steigen werden. Umweltschützer laufen dagegen Sturm. Von Alexander Polaschek

Das Kohlekraftwerk Staudinger steht in der Kritik.
Das Kohlekraftwerk Staudinger steht in der Kritik.
Foto: dpa

Das Kohlekraftwerk Staudinger in Großkrotzenburg bei Hanau (Main-Kinzig-Kreis) ist die zweitgrößte Quecksilber-Schleuder in Hessen. Für seinen geplanten neuen Kohleblock 6 hat Betreiber Eon sogar noch drastisch erhöhte Emissionen in die Luft und Einleitungen in den Main beantragt. Das widerspricht den Zielen der Europäischen Union (EU), die das hochgiftige Schwermetall in absehbarer Zeit komplett bannen will. Umweltschützer warten jetzt gespannt darauf, wie die hessischen Behörden mit diesem Konflikt umgehen.

Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) und der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) sehen in der Belastung des Mains ein "Licht-aus-Kriterium" für den projektierten 1100-Megawatt-Block. Zwar landet der weitaus größte Teil des Quecksilbers aus der verbrannten Kohle zunächst in der Luft - im Jahr 2008 waren das fast 72 Kilo -, doch die greifbarste juristische Handhabe scheint momentan die Vergiftung des Mains über das Abwasser aus der Rauchgasreinigung (2008: 351 Gramm) zu bieten. Falls das Darmstädter Regierungspräsidium dies für den Neubau wasserrechtlich erlaube, "werden wir das vor Gericht angreifen", sagt DUH-Sprecher Jürgen Quentin.

Emissionen

Das meiste Quecksilber in die Luft emittierten 2008 in Hessen laut Umweltministerium mit großem Abstand die Fabrik Akzo Nobe in Frankfurt (143 Kilo) und das Kraftwerk Staudinger (71 Kilo).

Die größten Quecksilbereinleiter in hessische Gewässer sind Kläranlagen: vornedran das Hauptklärwerk Wiesbaden (9 Kilo) und die Kläranlage Frankfurt-Niederrad (7,9 Kilo). Für Staudinger erwartet das Ministerium mit Block 6 eine Erhöhung der tatsächlichen Jahresfracht von 350 auf 455 Gramm. (lex)

Die Umweltschützer argumentieren, dass der Main wie viele andere Flüsse noch weit davon entfernt ist, die EU-Wasserrahmenrichtlinie zu erfüllen. Dort ist für Quecksilber eine Obergrenze von 20 Mikrogramm pro Kilo Lebendgewicht in Fischen und anderen Wasserbewohnern fixiert. Bereits an der bayerisch-hessischen Grenze, also noch vor den gravierenden Einleitungen aus verschiedenen großen Klärwerken, wird dieser Wert um ein Vielfaches überschritten. Das bayerische Landesamt für Umwelt ermittelte zuletzt 2007 Werte zwischen 100 und 980 Mikrogramm. In Hessen fand das Landeslabor in verschiedenen Proben der letzten Jahre bis zu 464 Mikrogramm.

Debatte ist ins Frankfurter Stadtparlament geschwappt

Über die Mainwasser-Belastung ist die Debatte um das Kraftwerk jetzt auch ins Frankfurter Stadtparlament geschwappt. Umweltdezernentin Manuela Rottmann (Grüne) erschreckte mit der Hiobsbotschft, Block 6 werde den Quecksilbergehalt um etwa 50 Prozent in die Höhe treiben.

Das scheint allerdings eine gewagte Prognose. Nach einer Berechnung der Hessischen Landesanstalt für Umwelt beträgt die mittlere Quecksilber-Tagesfracht des Mains bei Seligenstadt ohne Staudinger 56 bis 90 Gramm pro Tag. Eon hat für Block 6 eine Einleitung von maximal 5,3 Kilo im Jahr beantragt, umgerechnet täglich 15 Gramm. Das wäre zwar kein 50-Prozent-Zuwachs, aber immer noch das 15-fache der aktuellen Einleitung. In der Praxis werde das längst nicht ausgeschöpft, relativierte eine Eon-Sprecherin. Beantragt werde "standardmäßig" das gesetzliche Höchstmaß. Für DUH und BUND bleibt es jedenfalls ein Affront gegen den EU-Gewässerschutz.

Autor:  Alexander Polaschek
Datum:  15 | 12 | 2009
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