Der Tod zahlreicher Zivilisten im Irak-Krieg hätte nach einer Studie der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) vermieden werden können. Allein mehr als 1000 Iraker seien durch die umstrittenen Streubomben gestorben oder verletzt worden. HRW stützt sich in dem Bericht auf eine Recherchereise im Mai, bei der ein Forscherteam in den Hauptkampfgebieten rund 200 Interviews mit Opfern, Angehörigen, Ärzten und Militärs führte.
Streubomben (cluster bombs) bestehen aus mehreren hundert Kleinbomben. US- und britische Truppen haben nach HRW-Informationen rund 13 000 dieser Bomben mit nahezu zwei Millionen Kleinbomben in Irak eingesetzt und so mehr als tausend Zivilisten verletzt. In Hilla südlich von Bagdad seien an einem Tag 33 Zivilisten in Streubomben-Angriffen gestorben, 109 verletzt worden. Der Direktor eines Krankenhauses der Stadt sagte HRW, 90 Prozent der zivilen Verletzten, die sein Hospital während des Krieges behandelte, seien durch Streubomben verletzt worden.
Laut HRW hat die US-Luftwaffe in den vergangenen Jahren immer weniger Cluster-Munition verwendet, die Bodentruppen dagegen griffen häufiger zu dieser Waffe: "Ein großer Rückschritt für das US-Militär", sagt HRW-Direktor Kenneth Roth. Die Bodentruppen müssten lernen, was die Luftwaffe offenbar verstanden habe: Streumunition in bewohnten Gebieten fordere zahlreiche zivile Opfer.
Bei rund 50 gezielten Angriffen auf Funktionäre des Saddam-Regimes wurden nach Einschätzung der HRW nicht die angepeilten Führer getötet, dafür aber "mehrere Dutzend" Zivilisten. Diese "Enthauptungsstrategie" der USA habe sich auf abgehörte Telefongespräche und Geheimdienstinformationen gestützt, mit denen die Ziele nur ungenau, in einem Radius von 100 Metern, geortet werden konnten. So seien bei einem Angriff im April, der offenbar Saddam Hussein gegolten habe, in Bagdad 18 Menschen gestorben und drei Häuser zerstört worden.
Über die Gesamtzahl der zivilen Opfer des Krieges wolle HRW keine Schätzung abgeben. Die Verbündeten im Irak-Krieg hätten zwar grundsätzlich versucht, Iraker zu schonen, die nicht an Kampfhandlungen teilnahmen, so HRW-Direktor Roth. Streubomben und "Enthauptungsschläge" seien aber unverhältnismäßige Mittel der Kriegsführung und damit Verstöße gegen internationale Konventionen.
Solcher Verstöße haben sich nach HRW-Ergebnissen auch die irakischen Streitkräfte schuldig gemacht. Sie hätten Menschen als Schutzschilde missbraucht, die Embleme von Rotem Kreuz und Rotem Halbmond verwendet, Antipersonenminen eingesetzt sowie militärische Objekte gezielt in Moscheen und Spitälern untergebracht. Zudem hätten irakische Militärs oft Zivilkleidung getragen, was eine Unterscheidung zwischen Kämpfern und Zivilisten unmöglich gemacht und so die Zahl ziviler Opfer erhöht habe.
Dossier: Irak nach dem Krieg