kalaydo.de Anzeigen

Hollywood: Traum und Trauma

Oskar-Verleihung: Krieg als Kick und Krieg als Raubzug - über die kontroversen Bilder der US-Streitkräfte, die in den Gewinner-Filmen "The Hurt Locker" und "Avatar" gezeichnet werden. Von Daniel Kothenschulte

Fremder Planet Pandora: Der US-Soldat hat die Seite gewechselt.
Fremder Planet Pandora: Der US-Soldat hat die Seite gewechselt.
Foto: 20th Century Fox

Wer in Hollywood Hunderte von Millionen Dollar in einen Blockbuster investiert, ist gut beraten, sich vorher nach einem politischen Konsens umzuschauen. Auch wenn James Cameron mit seinem 3D-Abenteuer "Avatar" in den wichtigen Oscar-Kategorien leer ausging, konnte er doch eine ganze Nation hinter sich wissen - und wurde so zum finanziell erfolgreichsten Film aller Zeiten. Der Fantasyfilm fußt auf dem Gründungsmythos der USA: dem Pioniergedanken, der Eroberung der "Wild Frontier".

Ein ganzes Filmgenre, der Western, verdankt seine Existenz diesem zivilisatorischen Ehrgeiz; der Science-Fiction-Film beerbte diesen Mythos, in dem er Raumschiffe in neue Welten aufbrechen ließ. Dass dieser Traum spätestens mit den Errungenschaften der Bürgerrechtsbewegung der 1950er Jahre infrage gestellt wurde, machte ihn für das Kino nicht weniger fruchtbar. So entstanden der kritische Spätwestern, der für die Sache der Ureinwohner eintrat sowie Bürgerkriegsdramen, welche die Schrecken der Sklaverei offener beim Namen nannten als "Vom Winde verweht".

"Avatar" überträgt die Problematik des Kolonialismus in eine nicht allzu ferne Zukunft. Das US-Militär findet in den Bewohnern des Planeten "Pandora" hilflose Gegner, als es mit schwerem Kampfgerät einfällt, um Bodenschätze auszubeuten. Doch der Held des Films, ein Pionier in der Tradition von Davy Crockett und der legendären Trapper, leistet zivilen Ungehorsam. Sein moralischer Appell besteht quasi darin, die Sünden, die an den amerikanischen Ureinwohnern begangen wurden, nicht mehr zu wiederholen. In seiner Liebe zur Häuptlingstochter wiederholt sich einerseits die Geschichte von John Smith und Pocahontas, andererseits entwickelt der Held auch Respekt vor dem spirituellen Erbe des Anderen. Regisseur Cameron konnte dabei auf die Kinohelden seiner Jugend in den frühen 70ern zurückgreifen: etwa auf den von Dustin Hoffman gespielten weißen Indianer "Little Big Man". Das Militär zeigt er dabei als einen gespenstisch technisierten Apparat, angeführt von einem würdigen Nachfahren des Indianerschlächters General Custer. Der breite Konsens von "Avatar" liegt in der Reinigung des beschmutzten nationalen Mythos.

Wer den Finger freilich direkt und ohne Fantasy-Überbau auf dieses Trauma legen möchte, muss mit deutlich weniger Zuschauern und Einnahmen rechnen. Kathryn Bigelows Irak-Kriegsfilm "The Hurt Locker" war ein Kassenflop. Die Oscar-Juroren fanden dennoch ihre realitätsnahe Aufarbeitung des ethischen Konflikts der US-Armee bedeutsamer als das Werk ihres früheren Ehemanns und langjährigen kreativen Partners Cameron. Doch man muss beide Filme zusammen sehen, um das komplette Bild zu erhalten. "Avatar" handelt von einer Armee, die fremde Kulturen ausbeutet, allein um Bodenschätze zu stehlen - worin nicht nur der Dokumentarfilmer Michael Moore das wahre Kriegsziel im Irak vermutete. Kathryn Bigelow braucht diese Debatte in ihrem eigenen Werk nicht mehr zu führen. In der Tradition kritischer Kriegsfilme wie "Full Metal Jacket" konzentriert sie sich auf ein durch den Einsatz Einzelner bewundernswert gut funktionierendes militärisches System, dem freilich die ethische Legitimation abhandengekommen ist.

Viele Sieger und ein Alien auf der Oscar-Bühne

Bildergalerie ( 33 Bilder )
Autor:  Daniel Kothenschulte
Datum:  8 | 3 | 2010
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
TV

Gestern ferngesehen? Wir auch! Diskutieren Sie mit!