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Horst-Schlämmer-Partei: Mal im Ernst

Schlämmer kann Kanzler. Die unfreundliche Übernahme der Politik durch die Spaßguerilla ist kein Zeichen der Entpolitisierung. Die Erosion des Politischen ist eine ernste Sache. Parteien und Kandidaten sollten sich fragen, wie sehr sie den Karikaturen ähneln. Ein Leitartikel von Harry Nutt

Stapelweise werden Plakatideen mit lustigen Motiven aufgelegt. Wir können auch anders, scheinen die Kandidaten sagen zu wollen, und versuchen mit Dekolleté und Hinterteil ihren Platz in der Ökonomie der Aufmerksamkeit zu behaupten.
Stapelweise werden Plakatideen mit lustigen Motiven aufgelegt. Wir können auch anders, scheinen die Kandidaten sagen zu wollen, und versuchen mit Dekolleté und Hinterteil ihren Platz in der Ökonomie der Aufmerksamkeit zu behaupten.
Foto: dpa

So richtig Fahrt aufgenommen hat der bevorstehende Bundestagswahlkampf zuletzt durch das Werbeplakat einer Autovermietungsfirma. "Mit dem Dienstwagen in Urlaub?" hieß es da in bissiger Anspielung auf die nicht ganz leicht nachzuvollziehende Feriendisposition der Bundesgesundheitsministerin. Es gibt uns doch auch in Alicante, plakatierten die Autoverleiher.

Was zunächst als spanische Sommerposse nicht ohne Unterhaltungswert war, entpuppte sich, Steinmeiers Flehen nach einem Diskussionsabbruch zum Trotz, als nicht enden wollendes Wahlkampfthema. Inzwischen hat sich der Werbecoup der Vermietungsfirma auch auf die Agenturen der Parteien ausgewirkt.

Politkarikatur: Horst Schlämmer.
Politkarikatur: Horst Schlämmer.
Foto: dpa

Stapelweise werden Plakatideen mit lustigen Motiven aufgelegt. Wir können auch anders, scheinen die Kandidaten sagen zu wollen, und versuchen mit Dekolleté und Hinterteil ihren Platz in der Ökonomie der Aufmerksamkeit zu behaupten.

Ganz neu ist der Mut zur körperlichen Entblößung nicht. Der SPD-Politiker Thomas Krüger hatte sich bereits 1994 für den Bundestagswahlkampf ausgezogen und den Slogan "Eine ehrliche Haut" aufgeklebt. Während es für Politiker im Tagesgeschäft darauf ankommt, vor allem auch Distanzierungskünstler zu sein, wollen sie im Wahlkampf den Eindruck erwecken, mit Haut und Haaren bei der Sache zu sein.

Die Kanzler-Schau

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Harry Nutt ist Korrespondent der Frankfurter Rundschau in Berlin.
Harry Nutt ist Korrespondent der Frankfurter Rundschau in Berlin.
Foto: FR

Horst Schlämmer will nur ins Kino

Zusätzlichen Auftrieb haben derlei Humoranstrengungen durch die Publikumserfolge des Horst Schlämmer erhalten, jener zotigen Kunstfigur des Komikers Hape Kerkeling, die sich nun im Film und auf der Showbühne über die politische Rhetorik hermacht. Trotz aller Witzischkeit ist Kerkeling dabei nicht einmal vor seinesgleichen sicher.

Als Horst Schlämmer in der Berliner Bundespressekonferenz politische Normalität simulierte, kaperte kurzerhand eine Partei namens DIE PARTEI die Szene. Horst Schlämmer will nur ins Kino, Martin Sonneborn, der Spitzenkandidat der PARTEI, hat sich tatsächlich für den Bundestag beworben, scheiterte dann aber an der Prinzipienfestigkeit des Bundeswahlleiters.

Es ist Geschmacksache, ob man Gefallen an den Spaßattacken auf die Politik findet oder sie eher naserümpfend zur Kenntnis nimmt. Tatsächlich sind sie Ausdruck einer auffälligen Erschöpfung der politischen Darstellungsformen. Dem Wahlkampf mangelt es an Augenmaß und Einstellung. Obwohl jeder weiß, dass gesellschaftlich und volkswirtschaftlich viel auf dem Spiel steht, ist das eigene Zutrauen in die politische Regulierungskraft ebenso beschädigt wie das Vertrauen der Bürger.

Das ist nicht allein dem Versagen der politischen Akteure zuzuschreiben. In Frank-Walter Steinmeiers Deutschland-Plan finden sich Themen und Vorschläge für einen Gesellschaftsentwurf, der über den Wahltag hinausreicht. Wahrgenommen wurde das Papier aber bislang vor allem als strategisches Polit-Design eines Kandidaten im Umfragetief.

Die Erosion des Politischen ist eine ernste Sache

Die unfreundliche Übernahme des Politischen durch die Spaßguerilla ist deshalb so erfolgreich, weil politische Leidenschaft immer häufiger Gefahr läuft, sich lächerlich zu machen. Es reicht nicht mehr aus, politisches Handeln aus der Einsicht in die Notwendigkeit zu begründen. Man muss auch in der Lage sein, es mit Pep an den Mann zu bringen.

Die Torwächter der politischen Korrektheit haben ferner die Räume eng gemacht für Eigensinn und politische Abweichung. Die jüngsten Plakatanstrengungen folgen so gesehen einem erhöhten Druck nach Zwangsoriginalität. Bei dem Versuch, ihre Kampagnefähigkeit auf Dauer zu stellen, forcieren die Parteien jene Entpolitisierung der Politik, die sie so sehr bedauern.

Einigen Anteil hat daran die Konstellation einer ungeliebten Großen Koalition, die nichtsdestotrotz noch einmal mehrheitsfähig sein könnte. Die Spaßfraktionen konnten sich des beginnenden Wahlkampfes bemächtigen, weil insgeheim zu befürchten ist, dass es am 27. September keine wirkliche Wahl gibt.

Die Erosion des Politischen ist eine ernste Sache. Bislang gibt es kaum befriedigende Antworten auf die dramatischen Loyalitätsverluste der Volksparteien. Es mangelt nicht an politischer Meinung, aber die Verarbeitung in verlässlichen demokratischen Verfahren scheint immer weniger zu gelingen.

Der Wahlkampf hat erst begonnen. Bei der Arbeit an ihrer eigenen Profilierung kann es nicht schaden, wenn sich die Parteien und ihre Kandidaten ernsthaft die Frage stellen, was sie eigentlich von ihren kabarettistischen Parasiten unterscheidet.

Autor:  Harry Nutt
Datum:  12 | 8 | 2009
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Zeitgeschichte

Wiedervereinigung, Mauerfall, Deutscher Herbst, 1968, der Frankfurter Auschwitzprozess und das Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944.

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