"Eugen Münch, Gründer, größter Aktionär und Aufsichtsratsvorsitzender der Rhön-Klinikum AG, ist ein Mann klarer Worte. Seinen Vortrag "Veränderungen sind angesagt" gehalten auf einer Tagung zu den "Swiss-DRGs" in Zürich am 22.01. 2009, in dem er seine Konzepte für ein Eindringen seines Konzerns in den ambulanten Bereich erläutert, beschließt er mit den markigen Worten "Wenn es schon sein muss, dann ist die Täterrolle doch die attraktivere als die Opferrolle".
Einige niedergelassene Kollegen haben die Zeichen der Zeit noch nicht erkannt und freuen sich noch darüber, wenn sie bei den Empfängen des privatisierten Universitäts-Klinikums Marburg-Gießen vom Management nicht expressiv verbis mit "na Du Opfer" begrüßt, sondern mit Beschwichtigungsformeln, einem Glas Sekt oder einem gemeinsamen Foto für die Presse und einer Urkunde eingelullt werden.
Seit 2003 hat die Politik eine deutliche Liberalisierung des Gesundheitswesens betrieben. Für den ambulanten Sektor bedeutete dies vor allem die Erlaubnis zur Bildung überörtlicher Gemeinschaftspraxen und Medizinischer Versorgungszentren (MVZ).
Ein MVZ kann als rein ambulante Einrichtung als Ärztehaus/Poliklinikum betrieben werden, zum anderen können Krankenhäuser selbst MVZs gründen und betreiben. In der Realität sind MVZs aber nicht vorwiegend Gemeinschaftpraxen von freien Ärzten verschiedener Fachrichtungen, sondern größere wirtschaftliche Einheiten, in denen Ärzte als Angestellte tätig sind.
Die Liberalisierung des Gesundheitsmarktes hat nicht zu einem stärkeren Wettbewerb vieler Marktteilnehmer geführt, sondern zur Bildung von Gesundheitskonzernen, die als Kapitalgesellschaften vor allem dem shareholder value, nicht aber dem Gemeinwohl verpflichtet sind.
Wer aber glaubt, der Ehrgeiz der Konzerne sei in erster Linie darauf ausgerichtet, die ambulante Betreuung von Depressiven, Diabetiker- und Asthmakindern zu übernehmen, irrt. Es geht vielmehr darum, die Rosinen des ambulanten Sektors in die MVZs der Kliniken zu ziehen. "Rosine" würde ein Manager eines Health Providers einen lukrativen Patienten allerdings nie nennen; es handelt sich treffender ausgedrückt um "cash cows".
Konkret: In Marburg und Gießen wurden die Universitätskliniken zusammengelegt und Anfang 2006 an die Rhön Klinikum AG verkauft. An den Unikliniken gab es immer schon Institutionsambulanzen, deren Leistungen wir Niedergelassenen oft sehr zu schätzen wussten. Wurden hier doch häufig kompliziertere Fälle durch ausgewiesene Spezialisten beurteilt und behandelt.
Dies diente vor allem zu Ausbildungszwecken der Universität und beschränkte sich ausdrücklich auf Leistungen, die von den Niedergelassenen so nicht erbracht werden konnten.
Seit der Privatisierung hat sich unserer Beobachtung nach, als zuweisendende Hausärzte und Fachärzte, die Qualität der Versorgung sowohl im ambulanten wie im stationären Bereich der Unikliniken verschlechtert. Es hat sich eine Drehtürmedizin etabliert, die insbesondere die komplizierten, nicht standardisierbaren Patienten nicht mehr so behandelt, wie wir dies an Universitäten gewohnt waren. Dies ist keineswegs Zufall, sondern durchdachtes Konzept, mit dem Ziel der Gewinnmaximierung.
Es geht Rhön darum, lukrative standardisierte diagnostische und therapeutische Prozeduren, die in Marburg gegenwärtig zur vollen Zufriedenheit der Patienten von niedergelassenen Kollegen durchgeführt werden, in den Bereich des Konzern zu ziehen, um die erzielten Gewinne an seine Aktionäre ausschütten zu können.
Die Politik unterstützt dieses Bestreben. Die Extrempauschalisierung des gültigen EBM ist prädestiniert für konzerneigene MVZs, die mit je zwei Institutions-Patientenkontakten das Gesamtquartalbudget leeren können und dann den Patienten ins konzerneigene Krankenhaus übernehmen, um auch das letzte verfügbare, das stationäre Budget zu akquirieren.
Die Lobby-Arbeit der Rhön-AG ist hervorragend zu nennen. So ist Karl Lauterbach (MdB SPD) Mitglied des Rhön-Aufsichtsrates, der Staatssekretär Claus-Theo Schröder ist ehemaliger Rhön-Beschäftigter und die wirtschaftspolitische Expertise des frischgebackenen Wirtschaftsministers von und zu Guttenberg scheint ausschließlich aus seiner Tätigkeit im Aufsichtsrat der Rhön-AG zu bestehen.
Wie wichtig der Rhön-AG die Expansion in den ambulanten Bereich, ist zeigt eine Personalie, die die FTD am 4.11.2008 gemeldet hat. Der bisherige Vizechef der Techniker Krankenkasse, Dr. med. Christoph Straub wurde in den Rhön-Vorstand geholt. Es hieß dort, Straub kenne sich nicht nur exzellent bei neuen Versorgungsmodellen aus, er soll für den Konzern den ambulanten Markt erschließen.
Münch analysiert wie folgt: "Einer Universitätsklinik gelingt es, die Kalkulation einer Krebsbehandlung doppelt so teuer zu halten, als sie eigentlich sein könnte. Mit dieser Behandlung subventioniert sie sich einige Schutzräume für Mitarbeiter oder Professoren, an die sich keiner herantraut.
Was wird zukünftig geschehen? - Eine Praxisgemeinschaft bietet diese Leistung an, sie hat die Gewinnspanne, die ja nichts als eine Art Artenschutzzuschlag ist, frei und wird diese teilweise in Service und teilweise zu eigenen Nutzen einsetzen und Patienten aus dem Cash-Kuh-Segment abzuziehen. Danach sitzt die Uniklinik immer noch auf ihren geschützten Arten, nur die kostendeckenden Patienten fehlen."
Der verächtlich gemachte "Artenschutz" ist natürlich der Schutz für den Patienten mit einer seltenen Tumorart, oder allgemeiner gesagt, für den Patienten mit einer seltenen, komplizierten Erkrankung. Diese Patienten sind natürlich besser aufgehoben in einem Krankenhaus der Maximalversorgung, wo die dort beschäftigten Spezialisten Fälle aus einem überregionalen Einzugsgebiet sehen und behandeln.
Gerade das will Rhön nicht. So ist seit der Privatisierung unter anderem auch ein Herzchirurg /Gießen gegangen, weil er massenhaft Bypässe legen sollte, und weniger die komplexen und zeitintensiven Herz-Ops, am Standort Marburg passte eine hochdifferenzierte Hirnchirurgie, statt der Cash Cows Bandscheibe, ebensowenig ins Konzept. Ein Dilemma, das sich durch den Ruf des international renomierten Neurochirurgen in die Schweiz lösen ließ.
Münch beschreibt das zukünftige Gesundheitssystem als eins, dass "weniger den ärztlichen Künstler als den schnellen präzisen Könner, der das tut, was er kann, dieses aber möglichst häufig" erfordert. Und weiter "Für Sie als Patient ist die nach den Regeln der Kunst geschlossene Naht wohl auch wichtiger als eine künstlerische Bördelung". Hier werden medizinische Spezialisten verächtlich gemacht, dass es nicht wundert, dass er immer schwieriger wird, in für Marburg und Gießen eine Professorenschaft auf angemessenen Niveau zu gewinnen, bzw. zu halten.
Die Rhön-Klinikum AG ist dafür bekannt, eine Region durch ihre Krankenhäuser zu dominieren, wie es jetzt mit den Unikliniken in Mittelhessen der Fall ist, und die Vollbetreuung auch im ambulanten und stationären Bereich besonders intensiv anzusteuern. Der höchste Gewinn lässt sich doch durch ein horizontales und vertikales Monopol erzielen.
Die Kollegen von Ärztenetz Untermain, wo Rhön die zwei lokale Krankenhäuser aufgekauft hat, in denen große Flächen für MVZs bereit gestellt wurden, haben diese Strategie erkannt und versuchen eine Gegenstrategie zu entwickeln.
In der Marburger Ärzteschaft scheint das Problembewusstsein noch wenig ausgeprägt, vielleicht vor dem Hintergrund einer jahrzehntelangen guten Erfahrung mit den Institutsambulanzen der Uniklinik. Profitieren werden von der Entwicklung nur die Kollegen, die genügend Aktien der Rhön-Klinikum AG halten und sich mehr mit Coupon-Schneiden als mit der Behandlung von Patienten nähren. Alle anderen fordere ich dazu auf, sich über Gegenstrategien Gedanken zu machen.
Hendrik Eckert Burkhard Köhl Christa Kleinert-Skopnik Oliver Kohl Dieter Leußler Stefan Schulte Winfried Hofmann Ernst Kauß Marion Twelsiek Ditta Nölling Erika Richter Susanne Denker Ulrike Kretschmann Herrmann Trauth Simone Heimann Hartmut Winter

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