Die US-Präsidentschaftswahl 2008 könnte die höchste Wahlbeteiligung in der amerikanischen Geschichte erreichen - wahrscheinlich ist sie auch die am besten überwachte Wahl. Doch nicht nur Staatsorgane und Tausende von Anwälten beider Parteien prüfen, ob alles richtig abläuft an den Wahlurnen. Sondern auch die Wähler selbst. Sie können ihre Beobachtungen quasi live der ganzen Welt mitteilen - auf der Videoplattform Youtube oder bei Twitter, der Seite für persönliche Kurznachrichten.
Wer am Wahltag auf die Seite blog.twittervotereport.com blickte, der las, wie Tausende US-Bürger per SMS oder via Anruf berichteten, wie lange sie in ihrem Wahllokal warten mussten und ob sie Probleme beobachteten. Um 0:24 Uhr deutscher Zeit berichtete Cutelilaznboi aus Hilo auf Hawaii: "Ich hatte Probleme, meinen Stimmzettel in die Wahlmaschine zu stecken. Der blieb hängen." Marc Silva schrieb um 0:31 Uhr aus Riverside, Kalifornien: "Ich kam zum wählen mit einem T-Shirt mit einem Aufdruck mit John F. Kennedy und seinem Zitat Die Menschheit muss dem Krieg ein Ende setzen oder der Krieg setzt der Menschheit ein Ende. Ein Helfer im Amt sagte, ich solle das T-Shirt verdecken, weil andere es anderen sagen könnte, wen sie wählen sollen." Die Mehrheit der Meldungen auf dem Twitter-Ableger zeugen allerdings von einem eher soliden Wahlablauf. Die häufigste Beschwerde sind lange Wartezeiten - bis zu drei Stunden Schlangestehen.
Berichte im Sekundentakt
Bereits Wochen vor der Wahl warben die Organisatoren der Seite Vote-Report von Twitter.com (Zwitschern) für ihre Idee. Es gehe vor allem um Transparenz. Weil bei den vergangenen Wahlen 2004 ernste Unregelmäßigkeiten beim Wahlablauf erst nachträglich bekannte wurden - kaputte Wahlmaschinen, uneindeutige Wahlzettel, verhinderte Wahlregistrierung schwarzer Bürger - sollte dieses Mal so etwas sofort öffentlich werden. 21 Freiwillige hatten diese Live-Dokumentation der Stimmabgabe vorbereitet. Ihre Mühe scheint sich auszuzahlen, fast in Sekundentakt trudeln den ganzen Dienstag Berichte von den Wählern ein.
Eine ähnliche Idee, nur deutlich aufwändiger, kam von Youtube. Wähler konnten sich bei der Stimmabgabe filmen und die Clips auf die Videoplattform hoch laden: de.youtube.com/videoyourvote So hatte ein Bürger aus dem Bundesstaat New Mexiko einen Film eingestellt, der zeigt, wie entgegen den Landesgesetzen viele Wähler mit deutlichen Bekundungen für ihren Kandidaten in ein Wahlamt eintraten - sie tragen Obama-T-Shirts, Obama-Aufkleber oder Obama-Buttons an ihrer Kleidung. Das sei eigentlich verboten, doch sie durften wählen. In vielen Videos waren erneut die langen Schlangen vor den Wahllokalen zu sehen.
Behinderung in schwarzen Vororten
Das wohl berühmteste Blog Amerikas, The Huffington Post, berichtete von Wahlbehinderungen aus mehrheitlich von Schwarzen bewohnten Orten in Florida. Es mangele vor allem an Wahlmaschinen, die Bürger müssten teilweise sehr lange warten, bis sie ihre Stimmen abgeben könnten. Aus Deerfield Beach bekam das Blog einen Bericht über "politische Sabotage". Nahezu 400 Menschen hätten sich um 6:15 Uhr am Morgen in eine Schlange eingereiht, "sie warteten, bis um 7 Uhr das Wahlamt seine Tür öffnete. Dort stand eine Wahlmaschine, die für alle Wähler bestimmt war". Die Betreiber des Blogs verweisen darauf, dass dies nur ein Beispiel für Unregelmäßigkeiten sei: "Wir bekommen Tonnen von Emails aus städtischen Gebieten, die von fehlende Maschinen berichten, zu wenigen Wahlhelfern oder sogar fehlenden Stimmzetteln, um den Ansturm auf die Wahlämtern zu bewältigen."
Die Live-Beobachtung der Wahl politisiert sogleich die Bürger: Unmittelbar unter den Videos oder den Blogeinträgen auf www.huffingtonpost.com beginnen die Internetuser Diskussionen darüber, was unbedingt anders werden muss bei der nächsten Wahl - uns so fordern die politisch Interessierten für eine der ältesten Demokratien der Welt einfach mal "eine Standartgröße für die Wahlzettel, eine Standartfarbe, einen Standartform in der Gestaltung", schreibt Finchy13, "wir sind doch kein Dritte-Welt-Land".