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13. November 2007

Interview: "Die Muslime ändern sich"

Gudrun Krämer leitet seit 1996 den Lehrstuhl Islamwissenschaft an der Freien Universität Berlin  Foto: Privat

Dschihad ist laut Koran nie als Angriffskrieg oder Zwangsbekehrung mit dem Schwert zu verstehen, sagt die Islamwissenschaftlerin Gudrun Krämer im FR-Gespräch.

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Gudrun Krämer studierte Geschichte, Islam- und Politik-wissenschaft und habilitierte im Fach Islamwissenschaft an der Uni Hamburg.

Nach Professuren in Hamburg und Bonn leitet sie seit 1996 den Lehrstuhl Islamwissenschaft an der Freien Universität Berlin.

Hintergründe zum Streit um die geplante Moschee im Spezial.

Wie man es mit der Religion hält

Frau Krämer, im Moschee-Konflikt kocht die Angst hoch, Islam sei nicht integrierbar, weil nicht demokratiefähig.

Ich würde nicht fragen, ob der Islam als Religion demokratiefähig ist. Ich würde nur fragen, ob Muslime, die bei uns leben, in einer demokratischen Ordnung leben können und wollen.

Aber woran misst sich das?

Im Kern - die Anerkennung von Differenz, der Verzicht auf Gewalt, tolerantes Denken und Handeln, die Anerkennung des Grundsatzes der Gleichheit und Freiheit, sein Leben zu leben. Ich würde Muslime nicht schon auf Details festlegen, zum Beispiel, ob sie Homosexualität bejahen. Das würde ich auch nicht jeden nichtmuslimischen Deutschen fragen wollen.

Aber sind demokratische Werte durch den Koran gedeckt?

Der Koran ist ein Dokument, das im 7. Jahrhundert nach muslimischer Auffassung von Gott offenbart wurde. Natürlich spricht der Koran nicht explizit von diesen Prinzipien. Er ist kein Handbuch des Rechts oder der Demokratie, sondern ein Offenbarungsschrift - aus einer Zeit, die diese Fragen gar nicht gestellt hat. Ich kann immer nur fragen wie die Muslime heute auf den Koran blicken, welche Werte, Verhaltensnormen sie aus ihm ableiten. Ob der Koran Demokratie zulässt oder nicht - die Frage ist falsch gestellt.

Alles trifft auch auf die Bibel zu. Wie hat es das Christentum geschafft, dass es keine Konflikte mit Demokratie gibt?

Aus der Bibel kann man auch keine Demokratie ableiten. Es hat ja lange genug Konflikte gegeben. Allein der Begriff der Menschenwürde wurde von der katholischen wie der evangelischen Kirche bis nach dem Zweiten Weltkrieg mit größter Zurückhaltung behandelt. Von Gleichheit der Geschlechter nicht zu sprechen. Auch Christen haben über mehr als 1000 Jahre die Sklaverei praktiziert. Dennoch haben Christen es geschafft, mit ihrem Glauben andere Wertvorstellungen, andere politische Konzeptionen zu entwickeln - das hat mit Aufklärung und den revolutionären Bewegungen zu tun, mit Veränderungen der sozio-ökonomischen Bedingungen. Bei Muslimen stelle ich mir diesen Prozess ähnlich vor. Es ist nicht die Bibel, die eine Kehrtwende vollzogen hat, sondern die Christen haben es getan. Genauso wird sich nicht der Koran ändern, sondern die Muslime. Ich würde sie keinesfalls auf Einzelaussagen ihrer heiligen Schrift festnageln.

Moschee-Gegner begründen ihre Abwehr vor allem mit Dschihad "Gotteskrieg". Der Islam missioniere mit dem Schwert. Wie ist Dschihad zu verstehen und sind die Gebote des Koran absolut?

Es gibt keinen Text, den man nicht interpretieren kann und muss. Der Koran wird durch menschliches Verständnis gefiltert und muss gedeutet werden. Er bietet auch keine eindeutige Dschihad-Lehre. Betrachtet man die Aussagen, die nebeneinander stehen - historisch gesehen aber nacheinander offenbart wurden - dann kann man das Prinzip entdecken: Wenn Ihr angegriffen werdet, dann verteidigt Euch mit dem Schwert. Wenn Ihr nicht angegriffen werdet, dann versucht Euch mit den Gesetzen der Fairness und des Anstandes zu verständigen. Historisch gesehen wurde islamische Herrschaft im 7. und 8. Jahrhundert sehr wohl mit Gewalt verbreitet. Zwangsbekehrung war dabei aber die Ausnahme. Diese Eroberungsbewegung kam Mitte des 8. Jahrhunderts zum Stehen. Seitdem haben Muslime unterschiedliche Lehren vom Dschihad entwickelt. Eine lautet, dass Dschihad nicht bewaffneten Kampf bedeutet, sondern das Streben nach einem gottgefälligen Leben. Natürlich gibt es militante Islamisten, die Dschihad als bewaffneten Kampf propagieren. Aber bei uns gibt es auch Neonazis, die die Mehrheit gleichfalls ablehnt.

Weiteres Reizobjekt ist das Kopftuch - oft gleichgesetzt mit Unterdrückung der Frau im Islam.

Mit den Frauenrechten in islamischen Ländern unterschiedlich bestellt und vielfach nicht gut. Bei uns in Deutschland muss interessieren, was Mädchen in der Schule lernen und zu welchen gesellschaftlichen Feldern sie Zugang haben. Wenn sie meinen, es müsse mit Kopftuch geschehen, ist das ihre Sache. Nicht das Kopftuch ist Kernthema, sondern was Frauen und Mädchen daraus machen.

Muslime, die in Deutschland aufgewachsen sind, reklamieren für sich eine europäische Ausrichtung des Islam, der ihrer westlichen Sozialisation entspricht. Wie sieht der aus?

In der Bejahung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung unter Bewahrung des muslimischen Glaubens. Ebenso wie ein Katholik, der glaubt, der Papst kenne in bestimmten Dingen allein die Wahrheit, ein praktizierender Demokrat sein kann oder ein Jude, der gleichzeitig die Regeln der Thora einhält.

Interview: Anita Strecker

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