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Interview: Meinhof fehlte die Geduld

Der Erziehungswissenschaftler Volker Ladenthin zur Pädagogik der Linksextremisten.

Volker Ladenthin ist Professor für Erziehungswissenschaft in Bonn.
Volker Ladenthin ist Professor für Erziehungswissenschaft in Bonn.
Foto: Privat

Herr Ladenthin, wie charakterisieren Sie die Pädagogik der 50er und 60er Jahre?

Man hatte eigentlich erkannt, dass Kinder nicht diszipliniert, sondern erzogen werden sollten. In der Fürsorgeerziehung jedoch waren es dann die Juristen, die die Kinder in den Griff bekamen. Sie verstanden Erziehung als einen Weg, Kinder zu klar definiertem Verhalten zu zwingen. Es war eine Disziplinierung durch angeblich erzieherische Mittel.

Zur Person

Volker Ladenthin ist Professor für Erziehungswissenschaft in Bonn. Im Auftrag des Instituts für Friedensforschung an der Universität Kiel erforschte er die Zusammenhänge zwischen Bildung und Terrorismus.

Waren sich die Kinder in den Heimen ihrer Situation bewusst?

Ich glaube nicht. Der Mensch ist so manipulierbar, dass er glaubt, so etwas sei normal. Ich habe in der Grundschule auch nicht am System gezweifelt, wenn ich eine Ohrfeige bekam. Ich hielt es für normal; habe manchmal geglaubt, es läge an mir und ein anderes Mal die Gehässigkeit einer Person als Grund ausgemacht.

Hatten Ulrike Meinhof und ihre Gleichgesinnten bei dem Versuch, über die Zustände in den Heimen aufzuklären und Veränderungen zu erzwingen, einen pädagogischen Anspruch?

Im Grunde ja. Aber sie glaubten irrigerweise, man könne gegen den Willen der Betroffenen und unter Umgehung von Politik politisch aufklären. Sie haben nicht begriffen, dass Aufklärung nur in ganz kleinen Schritten funktionieren kann. Die Geduld und Bereitschaft, Menschen auf diesem Weg mitzunehmen, hatten sie nicht.

Wollten sie, die späteren Mitglieder einer terroristischen Vereinigung, in erster Linie die Zustände in den Heimen verändern oder wollten sie die "Zöglinge" für ihren Kampf instrumentalisieren?

Das hat sich wohl im Laufe der Jahre gewandelt. Zumindest Ulrike Meinhof ging es sicher auch um die Menschen. Zugleich sah sie hier einen Ansatzpunkt für eine Veränderung der Gesellschaft. Die Heime waren für sie ein Beispiel verwalteter Inhumanität. Dort schien das Inhumane im wahrsten Sinne des Wortes zu Stein geworden. Heime dokumentierten für Meinhof, wie die Gesellschaft mit Armen umgeht.

Was hat die Radikalisierung ausgelöst?

Ich sehe zwei entscheidende Daten. Die Wiederbewaffnung und die Notstandsgesetze stellten für Meinhof und ihre Anhänger das Grundgesetz auf den Kopf. Bis dahin schien für sie das Grundgesetz Interessen an der Idee der Freiheit zu messen. Nun lautete ihre Deutung: Das Grundgesetz bemisst die Freiheit an den ökonomischen Interessen einzelner Gruppen. Und so fühlten sie sich, indem sie gegen das Grundgesetz verstießen, gerade als Anwälte der Freiheit.

Deshalb Brandstiftungen und Morde?

Ich nenne das eine terroristische Bildungsidee. Die RAF-Mitglieder waren überzeugt, dass ihre Attentate bei Menschen, Politikern und damit der Gesellschaft einen Lernprozess auslösen würden. Sie hofften auf Erkenntnis durch den Schock.

Anscheinend ein fataler Irrtum, oder?

Ich würde eher sagen, sie konnten die Folgen ihres Handelns nicht bedenken. Terroristen haben kein Ziel, sondern nur ein Motiv. Sie wissen nur nebulös, wo sie hinwollen.

Bei ihren Anschlägen aber waren sie strategisch klug und technisch extrem versiert …

Mag sein, aber sie waren zugleich äußerst unklug. Man kann sogar von einem Erziehungsdefizit sprechen - ihnen fehlte die Zielgerichtetheit und die Klugheit, Mittel und Zweck aneinander abzugleichen.

Interview: Stephan Lüke

Autor:  Der Erziehungswissenschaftler Volker Ladenthin zur Pädagogik der Linksextremisten.
Datum:  12 | 9 | 2007
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Zeitgeschichte

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