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Interview mit Franz Josef Jung: "Die Öffentlichkeit nicht irritieren"

Verteidigungsminister Franz Josef Jung spricht im Interview mit der Frankfurter Rundschau über das Bombardement von Kundus und sein oft kritisiertes Krisenmanagement.

Ich halte es für falsch, vor Abschluss der Untersuchung durch die Nato fast jeden Tag mit Spekulationen zum Hergang der Ereignisse vom 4. September die Öffentlichkeit zu irritieren. Franz Josef Jung im FR-Interview
"Ich halte es für falsch, vor Abschluss der Untersuchung durch die Nato fast jeden Tag mit Spekulationen zum Hergang der Ereignisse vom 4. September die Öffentlichkeit zu irritieren." Franz Josef Jung im FR-Interview
Foto: Arnold

Herr Jung, wollen Sie sich für die zivilen Opfer bei dem Bombenangriff entschuldigen, den der deutsche Oberst Georg Klein vor zwei Wochen in Afghanistan befohlen hat?

Wenn es zivile Opfer gegeben hat, dann bedauern wir das zutiefst. Dann werden wir uns auch darum kümmern, unser Mitgefühl gegenüber den Angehörigen zum Ausdruck zu bringen und im Gespräch mit den Angehörigen feststellen, wie geholfen werden kann. Wir warten jetzt erst einmal die Nato/Isaf-Untersuchung ab. Denn es gibt auch andere Berichte, von Seiten des Provinzrates, des Gouverneurs, des Polizeichefs, des Geheimdienstchefs bis zum Chef der Streitkräfte in Kundus.

Zur Person
Spezial: Afghanistan

Franz Josef Jung, Verteidigungsminister, steht ausgerechnet im Bundestagswahlkampf unter Druck wegen seiner Informationspolitik zum Bombardement von Tanklastern in Afghanistan.

Für die CDU tritt der 60-jährige Jurist aus dem Rheingau als hessischer Spitzenkandidat an. Trotzdem muss er sein Direktmandat im Wahlkreis Groß-Gerau gewinnen, das zuletzt an die SPD ging.

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Foto: ddp

Die Bundeswehr in Afghanistan. Erstmals befinden sich deutsche Soldaten in einem Kampfeinsatz außerhalb Europas.

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Ich halte es für falsch, vor Abschluss der Untersuchung durch die Nato fast jeden Tag mit Spekulationen zum Hergang der Ereignisse vom 4. September die Öffentlichkeit zu irritieren. Franz Josef Jung im FR-Interview
"Ich halte es für falsch, vor Abschluss der Untersuchung durch die Nato fast jeden Tag mit Spekulationen zum Hergang der Ereignisse vom 4. September die Öffentlichkeit zu irritieren." Franz Josef Jung im FR-Interview
Foto: Arnold

Darum kümmern hieße: eine Entschädigung für die Familien?

Ich bitte um Verständnis, dass ich mich vor Abschluss der Untersuchungen nicht dazu äußere, aber wir würden wirksam helfen.

Einsatz in Afghanistan

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War es ein Fehler, dass Sie gleich nach dem Angriff erklärt haben, es seien keine Zivilisten getötet worden, sondern nur Taliban-Kämpfer?

Ich habe immer gesagt: Das ist mein derzeitiger Informationsstand. Dieser wurde dann auch in dem Brief derjenigen aus der Provinz Kundus, die ich gerade genannt habe, bestätigt. Darin hieß es, es gebe 56 Tote und es seien alle Taliban oder deren Verbündete. Ich halte es weiterhin für richtig, dass ich mich schützend vor die deutschen Soldaten gestellt habe, als sofort sehr schnelle Urteile gegen unsere Soldaten und gegen Oberst Klein getroffen worden sind, ohne dass die notwendige Sachkenntnis vorhanden war. Aus meiner Sicht ist dies die Pflicht des deutschen Verteidigungsministers.

Jetzt heißt es auch noch, der Bundeswehr-Oberst habe den Angriff aufgrund falscher Informationen fliegen lassen und behauptet, deutsche Soldaten seien im Zielgebiet "im direkten Feindkontakt". Ist die Kritik an seinem Befehl doch berechtigt?

Ich halte es für falsch, vor Abschluss der Untersuchung durch die Nato fast jeden Tag mit Spekulationen zum Hergang der Ereignisse vom 4. September die Öffentlichkeit zu irritieren. Tatsache ist, dass Oberst Klein auf Grundlage mehrerer Quellen diese Entscheidung getroffen hat. Man muss sich vorstellen, dass es eine konkrete Warnung vor einem Anschlag auf unser Lager in Kundus gab. So hatten die Taliban allein in diesem Jahr bereits sechs Anschläge mit Lastwagen ausgeführt. Dabei sind zum Beispiel in Kandahar mit einem Tankfahrzeug 40 Menschen getötet und 60 weitere verletzt worden. Die Folgen für unsere Soldaten wären schrecklich gewesen. Aber noch mal: Das Ergebnis der Untersuchung ist abzuwarten, um auf solider Basis urteilen zu können.

Stimmen Sie Außenminister Steinmeier zu, dass in den nächsten vier Jahren eine Ausstiegsperspektive für den Afghanistan-Einsatz entwickelt werden muss?

Ich halte nichts von verfrühten Abzugsdiskussionen, sondern verweise auf unsere Erfolgsstrategie. Diese beinhaltet, dass Afghanistan selbst für seine Sicherheit sorgen können muss als Voraussetzung für selbsttragende Sicherheit. Je früher die Afghanen in der Lage sind, ihr Land selbst zu schützen, desto früher können wir über einen Abzug nachdenken.

Sind Sie in der Afghanistan-Politik froh, dass Sie in einer großen Koalition regieren können?

Ich sage auch in Wahlkampfzeiten, dass die Zusammenarbeit zwischen den Ministerien, insbesondere zwischen dem Außen- und dem Verteidigungsministerium in Hinblick auf den Einsatz in Afghanistan gut funktioniert hat.

Belastet es Sie, wenn darüber spekuliert wird, dass Sie abgelöst werden könnten nach der Wahl?

Es gibt gerade eine Umfrage, in der circa 70 Prozent der Bürger an meiner Seite stehen. Das finde ich einen eindeutigen Vertrauensbeweis. Ich spüre auch von den Soldaten sehr große Unterstützung. Unsere Soldaten in Afghanistan sind gerade nach den jüngsten Ereignissen froh, dass der Verteidigungsminister so zu ihnen gestanden hat. Ich glaube, dass die veröffentlichte Meinung und die öffentliche Meinung dort auseinander laufen.

Interview: Pitt von Bebenburg

Datum:  18 | 9 | 2009
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