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Interview mit Hanna Schygulla: "Da wartet noch was auf mich"

Ein Interview mit der Schauspielerin Hanna Schygulla, die den Goldenen Bären für ihr Lebenswerk erhält, über Fassbinder, Heimatgefühle und Altersrollen.

Hanna Schygulla auf der Berlinale.
Hanna Schygulla auf der Berlinale.
Foto: rtr

Frau Schygulla, früher hat man Ihnen eine "phlegmatische erotische Ausstrahlung" bescheinigt. Sehen Sie sich selber als phlegmatisch an?

Bei vielen Dingen, die über mich gesagt und geschrieben wurden, könnte ich heute das Gegenteil sagen: Ich war ja früher auch eher introvertiert, was sich auch vollkommen umgedreht hat.

Zur Person

Hanna Schygulla, 66, lernte Rainer Werner Fassbinder in den sechziger Jahren an der Schauspielschule kennen. Der Regisseur holte sie zum Action Theater. Zwischen 1969 und 1980 spielte sie in zwanzig seiner Filme mit und galt als seine Muse. Für "Die Ehe der Maria Braun" erhielt sie 1979 den silbernen Bären.

Nach zahlreichen Bühnenprojekten, bei denen sie auch Regie führte, kehrte das in Paris lebende Multitalent 2007 zum deutschen Film zurück und war zuletzt in Fatih Akins "Auf der anderen Seite" zu sehen.

Heute Abend wird Schygulla mit dem Goldenen Ehrenbären für ihr Lebenswerk ausgezeichnet.

In den 1970er/80er-Jahren wurden Sie als "Nachfolgerin der Dietrich" gefeiert. Dann wurde es ruhiger um Sie. Seit 2006 sind Sie durch Fatih Akins "Auf der anderen Seite" wieder mehr im öffentlichen Bewusstsein. Mussten Sie sich vorher von der Ära Fassbinder emanzipieren?

Nach Fassbinders Tod war ich sehr im europäischen Kino vorhanden gewesen. Da kamen ja die Filme mit Godard, Wajda, Scola, Ferreri, Saura - und schon habe ich mich irgendwie gerettet gefühlt. Aber dann ist meine Mutter in die Hilflosigkeit des Alters abgestürzt. Ich bin als Einzelkind diesen Weg mit ihr gegangen, und es hat sich über Jahre bis zu ihrem Tod 1995 gezogen. 2005 verstarb mein Vater - und danach erhielt ich unverhofft wieder vermehrt interessante Angebote.

Gab 1980 Fassbinders "Lili Marleen" den Anstoß für Ihre Gesangskarriere? Was bedeutet Ihnen die Rolle?

Ich durfte das erste Mal im Film mit eigener Stimme singen. Ich durfte vorher schon einmal die Lippen bewegen zur Stimme von Marlene in "Götter der Pest". Da gab es noch nicht den Gedanken, dass ich später einmal selber singen werde. Das kam erst so mit fünfzig Jahren. Der Film "Lili Marleen" war in mehrfacher Hinsicht etwas Besonderes, vor allem aber, weil ich den Traum meiner Mutter verwirklichte, die früher auch von einer Gesangskarriere geträumt hatte.

Seit 1981 leben Sie in Frankreich. Wollen Sie für immer dort bleiben?

Mit 19 Jahren war ich der Piaf wegen das erste Mal dort. Die konnte so toll von der Liebe singen. Ich bin nach einem Jahr Aupair wieder zurück und mit 38 wieder rüber. Aufgrund einer großen Liebe, die irgendwann nicht mehr gehalten hat. Ich wohne mitten in Paris, und ich liebe die Stadt. Aber für immer? Nein. Inzwischen würde ich eine Rückkehr nach München nicht mehr ausschließen. Und Berlin ist, glaube ich, eine ziemlich lebendige Sache.

Können Sie gut loslassen?

Ich kann so schlecht wegwerfen, weil mir eben auch so viel geschenkt wird. Zum Glück gibt es die Berliner Akademie der Künste. Da war ich heilfroh, weil die ab und zu kommen und dieses und jenes ins Archiv abtransportieren. Ich war zwar nie ein großer Sammler, aber ich denke immer, dass in allem so viele Lebensspuren drin sind. Manchmal ziehe ich irgendwo etwas raus und plötzlich entsteht daraus neues.

Belastet es Sie, dass man bei dem Namen Schygulla sofort auch an Fassbinder denkt?

Ich finde es eigentlich sehr schön, weil er auf diese Weise durch mich weiterlebt. Zuerst hat es durch ihn mich gegeben im Film, und nun trage ich auch immer ein Stück seines Vermächtnisses weiter.

Sie kannten Fassbinder sehr gut. Ist er wirklich so ein Machtmensch gewesen? Klaus Löwitsch hat mir erzählt, dass er die Männer ganz anders behandelt hat, als die Frauen. Stimmt das?

Ja, Regisseure sind Machtmenschen. Ich meine, die müssen ja auch ein Imperium zusammenhalten. Fassbinder war eben auch ein Zauberer mit einem unsichtbaren Zauberstab. Und das ging nicht ohne Konflikte ab, gerade, weil Männer und Frauen so unterschiedlich sind.

Sie feiern jetzt in erster Linie als Chansonsängerin Erfolge. Welche Möglichkeiten sehen Sie heute als Schauspielerin für sich?

Es ist schon möglich, dass jetzt die "Altersrollen" kommen und da gibt es ja wohl auch Bedarf, denke ich, denn die Welt wird ja auch älter, zumindest in unseren Breiten. Da wartet noch etwas auf mich. Das spüre ich. Etwas, wo ich das alles zurückfließen lassen kann, was ich durch meine Erfahrungen aus doch schon so vielen Lebensjahren in mich aufgesogen habe.

Sind Sie jetzt unbelasteter?

Ja, natürlich, gerade durch die Erneuerung im Alter. Ich meine, je näher das Ende rückt, desto dringlicher fragt man sich: "Wenn nicht jetzt, wann dann?" Und dass man das mal begreift, dass jeder Tag ein neuer Tag ist. Das ist auch eine Form von Erwachen, weil man merkt, die Zeit wird knapper. Diese Dinge. Und dass du aus dem Konkurrenzkampf raus bist. Das ist ja auch eine Befreiung.

Interview: Marc Hairapetian

Datum:  17 | 2 | 2010
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