Herr Ströbele, ist es tragbar, dass Kriegsverbrecher wie Friedrich Flick Träger des Bundesverdienstkreuzes sind?
Wenn heute so jemand das Verdienstkreuz bekäme, wäre das unerträglich und würde zu heftigen Protesten führen. Dass Kriegsverbrecher wie Flick solche Ehrungen bekamen, ist aber exemplarisch für das Denken in der Nachkriegszeit.
Ein Verdienstkreuz posthum abzuerkennen, ist nicht möglich. Sollte das geändert werden?
Jetzt einem Verstorbenen die Ehrung posthum zu entziehen, steht für mich nicht im Zentrum des Interesses. Das greift zu kurz. Viel wichtiger ist die Frage: Wie konnte es damals dazu kommen, dass an Kriegsverbrecher solche Ehrungen vergeben wurden? Bei den meisten waren die jeweiligen Vorgeschichten bekannt. Da ging es ja nicht etwa um unbekannte Verbrechen, die Jahre später ans Licht kamen. Diese Leute hatten wichtige Funktionen auch im Nazisystem inne - das wusste jeder!
Sie sind also gegen einen Entzug.
Mir geht es darum zu zeigen, dass die Verleihungen von Verdienstkreuzen und die Biografien der Träger viel über das allgemeine Bewusstsein in der frühen Bundesrepublik aussagen. Ich kenne diese Zeit ja, habe sie als Schüler erlebt: Da gab es auf allen Ebenen Leute, die in hohen Ehren gehalten worden sind, obwohl sie unendlich viel zu verbergen hatten - die Verdienstkreuzträger sind da ja nur die Spitze eines Eisberges.
Wie erklären Sie sich, dass sich dieser Eisberg bilden konnte?
Damals war eine völlig andere Sicht auf die deutsche NS-Vergangenheit allgemeine Volksmeinung. Bei einer Umfrage hätte noch lange nach dem Krieg eine Mehrheit gesagt, dass der 8. Mai kein Tag der Befreiung, sondern ein Tag "unserer" Niederlage war.
Es mangelt also an Aufarbeitung der Nachkriegsgeschichte.
Es wäre notwendig, dass wir uns diesen Teil unserer Geschichte genau ansehen. In vielen Ämtern bis hoch in Regierungen saßen Menschen, die schwere Schuld auf sich geladen hatten. Am Beispiel der Verdienstkreuzträger können wir uns gerade heute angesichts des Erstarkens von Neonazi- und fremdenfeindliche Gruppen damit auseinandersetzen, wie die Stimmung damals in der Bevölkerung war. Und wie die Politik damit umging.
Wie könnte ein neuer Umgang mit den zweifelhaften Verdienstkreuzträgern aussehen?
Eine Idee wäre ein Forschungsauftrag etwa an eine Historikerkommission. Zu den belasteten Geehrten könnte ein ausführlicher Kommentar mit den Fakten ihres Wirkens in das Verzeichnis aufgenommen werden. Die "Bösen" heraus zu streichen, wäre einfach, aber falsch. Das wäre eine Weißwaschung der Geschichte, eine Tilgung von Fehlern, die wir gemacht haben.
Welche Punkte hätte so eine Historikerkommission zu klären?
Zwei Punkte wären zu prüfen: Einmal die Fakten der Schuld neben den Verdiensten. Und zweitens - und das ist mir genau so wichtig - wie konnte es trotz der Schuld dazu kommen, dass das Kreuz verliehen wurde? Die Antworten sollten nicht nur Historikern zur Vervollständigung der Geschichtsbücher dienen, sondern müssten bekannt gemacht werden, damit wir daraus lernen.
Es gibt ja nicht nur Fälle aus der jungen Bundesrepublik. Noch 2000 bekam Heinz Eckhoff, ein ehemaliger SS- und späterer NPD-Mann, ein Verdienstkreuz.
Das ist absolut unbegreiflich. Ich weiß nicht genau, wie das Präsidialamt arbeitet, aber in dem Fall wäre die Vorgeschichte im Internet einfach zu recherchieren gewesen. Vor 40 Jahren war das schwieriger - heute kann man das schon verlangen.
Interview: Moritz Baumstieger