Frau Jentsch, im Kino liefen gerade die Buddenbrooks, Sebastian Schipper zeigt auf der Berlinale seine Version der Wahlverwandtschaften, Sie sind "Effi Briest". Woher kommt das neue Interesse an deutschen Klassiker?
Historische Filme haben in anderen Ländern ja großen Erfolg. Vielleicht will man das in Deutschland jetzt nachholen.
Die Schauspielerin gilt als eines der größten Talente der deutschen Filmszene. Die 1978 in West-Berlin geborene Julia Jentsch ging nach dem Abitur 1997 auf die renommierte Schauspielschule Ernst Busch und übernahm während dieser Zeit schon erste Bühnenrollen.
Durch das Filmdrama "Die fetten Jahre sind vorbei" von Hans Weingartner wurde sie 2004 einem größeren Publikum bekannt - der Film erhielt schließlich auch den Jury-Preis in Cannes. Eine weitere große Rolle war danach die der Widerstandskämpferin Sophie Scholl in "Sophie Scholl - Die letzten Tage" (2005) - dafür gabs auf der Berlinale den Silbernen Bären.
Ihr neuer Film "Effi Briest" läuft in dieser Woche im Kino an.
Wieso ausgerechnet Effi Briest?
Wieso nicht?
Es ist ja im Grunde genommen ein unfilmischer, unspektakulärer Roman. Erstaunlich genug, dass er schon viermal verfilmt wurde.
Das ist doch der beste Beweis, dass er sich aufzudrängen scheint. Ich finde, das ist eine Geschichte, in die man sehr schnell sehr tief eintauchen kann. Und Fontane hat die Figuren in ihrer Zerrissenheit so detailgenau geschildert, dass man sie so schon vor sich zu sehen glaubt.
Was unterscheidet die Verfilmung von Hermine Huntgeburth beispielsweise von Fassbinder oder Gründgens?
Fassbinder hatte ja eher den politischen und gesellschaftskritischen Ansatz: Ich fand das schon erstaunlich, wie er mit so einer Geschichte den aktuellen Bezug zur Nachkriegsgeneration hergestellt hat. Bei Hermine war es so, dass sie vor allem das Frauenschicksal interessiert hat. Was bedeutete es, damals eine Frau zu sein? Wie passt Effi in die Zeit? Leitete sie eine neue ein? In dieser Geschichte steckt so viel drin, man könnte noch jede Menge "Effi Briest"-Filme machen, und immer wieder neuen Schwung reinkriegen.
Nach "Sophie Scholl" und "Ich habe den englischen König bedient" sind Sie jetzt schon zum dritten Mal auf der Berlinale. Wird es langsam langweilig?
Überhaupt nicht! Im Gegenteil, es wird immer aufregender. Bei der Premiere war ich zum Beispiel sehr aufgeregt.
Weil die Kanzlerin neben ihnen saß?
Das war im ersten Moment schon ein bisschen komisch. Ich wusste ja gar nicht, dass sie kommt, und dachte, ich sitze neben meinen Kollegen und man kann sich vielleicht mal was zuflüstern. Aber ich fand das ein tolles Zeichen, dass sie die ganze Zeit da blieb.
Klingt bizarr: Neben sich die Kanzlerin, hinter sich die Kollegen und vor sich überlebensgroß Sie selbst, wie Sie mit Sebastian Koch im Bett liegen.
Ja, das sind eher abstrakte Momente. Aber die kann ich inzwischen auch genießen.
(Interview: Jörg Schindler)
Effie Briest (Trailer) Kinostart, 12. Februar 2009