Herr Cave, der Titelheld Ihres neuen Romans ist ein so zügelloser wie schmieriger Lüstling, eigentlich keine besonders sympathische Figur
Ach ja? Bunny Munro verkörpert doch nur, was alle Männer irgendwie umtreibt, zugegebenermaßen in extremer Form. Er schaut den Frauen auf den Hintern oder in den Schritt und lässt nichts anbrennen. Ihm bieten sich als Vertreter für Frauenkosmetika ja auch zahlreiche Gelegenheiten. Hausbesuche enden nicht selten im Bett seiner Kundinnen. Und wenn gerade keine zur Hand ist, bestellt er sich eben eine Prostituierte aufs Hotelzimmer.
Nick Cave, 1957 in Australien geboren, ist Musiker, Schriftsteller und Schauspieler. Als Frontmann der Bands The Birthday Party, The Bad Seeds und Grinderman ist er seit mehr als 30 Jahren im Musikgeschäft. Cave hat sich nebenher auch als Theoretiker des Songwriting versucht, wie seine Poetik-Vorlesungen "The Secret Life of the Love Song" an der Wiener Schule für Dichtung beweisen. Musikalisch kommt Cave vom Punk her, hat sich aber zunehmend für andere, vor allem auch leisere Stile geöffnet. Am Beeindruckendsten sind immer noch seine nuancenreich vorgetragenen, einfühlsamen "Murder Ballads" (1996).
Als Schriftsteller veröfffentlichte Cave 1989 den Roman "Und die Eselin sah den Engel" (dt. 1993, Piper Verlag). Jetzt ist sein zweiter erschienen: "Der Tod des Bunny Munro", Verlag Kiepenheuer & Witsch, 310 Seiten, 19,95 Euro. Darin geht es um einen Vertreter für Schönheitsartikel und unersättlichen Lüstling. Bunny Munros Leben besteht aus Drogen, Frauen, Sex - bis seine Frau eines Tages Selbstmord begeht und er sich um seinen Sohn kümmern muss. Den Roman gibt es auch als Hörbuch (Hörverlag, 6 CDs, 24,95 Euro), gesprochen von Blixa Bargeld, was erwähnenswert ist, da der Sänger der Einstürzenden Neubauten lange Zeit Schlagzeuger in Caves Band The Bad Seeds war.
Nick Cave liest aus seinem Buch: Website
Die Wahrnehmung von Bunny Munro ist total sexualisiert.
Er ist ein Getriebener, ein Opfer. Er folgt seinen Trieben und kann nicht anders. Wenn Sie so wollen, ist das ein Urtrieb beim Mann
Klingt eher nach einer veritablen Männerfantasie.
Eigentlich ist er auf der Flucht. Er ist unfähig zu lieben. Drogen, Alkohol und vor allem blanker Sex verschaffen ihm Erleichterung und lassen ihn vor der Verantwortung fliehen. Zärtlichkeit, Zuneigung - dergleichen hat er einfach nicht im Repertoire.
Seine Frau treibt er mit seiner Untreue gleich zu Beginn des Romans in den Selbstmord. Sie erhängt sich mit dem Nachthemd, das sie in der Hochzeitsnacht getragen hat - diese Szene fand ich sehr anrührend. Bunny scheint endlich zu merken, dass irgendetwas in seinem Leben schief gelaufen sein muss.
Ja, aber er findet keine Sprache dafür und rettet sich nach dem ersten Schreck gleich wieder in seinen alten Zynismus. Er ahnt allerdings, dass er bald sterben und seiner Frau nachfolgen wird. Weil ihm die Sprache der Liebe unzugänglich bleibt, treibt er nach Lillys Tod noch mehr in die Einsamkeit. Als Vertreter für Schönheitsartikel bewegt er sich in einem armseligen Milieu. Die Frauen, mit denen er zu tun hat, sind ebenso einsam, sie benutzen ihn wie er sie benutzt. Alles verlorene Seelen auf der Suche nach dem kleinen Glück. Dass Bunny etwas fehlt, weiß er sehr wohl, nur fällt ihm nichts anderes ein, als diese Lücke durch totale Verausgabung zu füllen, etwa nach dem Motto: Nur der nächste Fick kann mich retten. Hier liegt sein Verhängnis, er weiß darum und findet dennoch nicht heraus.
Ich muss Ihnen gestehen, dass ich trotzdem den Eindruck habe, dass Bunnys Frau die eigentliche Hauptfigur Ihres Romans ist. Lilly bleibt die ganze Zeit über präsent. Sie verfolgt ihn wie ein schlechtes Gewissen. Er hat sie in den Tod getrieben, er wird sie nicht los. Durch sie wird Bunny in seiner Zerrissenheit überhaupt erst eine lebendige und damit nachvollziehbare Figur - nur ein Getriebener zu sein und ohne alle Weiterentwicklung, das reicht nicht für eine Romanhandlung.
Und vergessen Sie den Sohn nicht. Von Lilly und all den anderen Frauen kann er sich jederzeit distanzieren. Selbst als Lillys Eltern ihm bei der Beerdigung schwere Vorwürfe machen, lässt ihn das nach einem Moment Verunsicherung vollkommen kalt. Mensch, der hat sogar versucht, sich an der Freundin seiner Frau zu vergreifen! Aber als er dann mit seinem Sohn zusammen ist, wird alles anders. Bunny Junior ist ein Kind, das seinen Vater abgöttisch bewundert - und liebt. Diese Liebe kann er nicht zurückweisen, ein Kind ist noch unschuldig. Darin liegt sein eigentlicher Konflikt: Zum ersten Mal in seinem Leben bekommt er es mit einer Liebe zu tun, die in ihrer Unschuld unabweisbar ist.
Die beiden begeben sich auf die Reise. Bunny versucht, in sein altes Leben zurückzufinden: Er ist Handelsreisender, er macht seine Hausbesuche, beglückt einsame Damen und wird mitunter von deren zurückgekehrten Männern verprügelt
Doch ohne seine Frau, um die sich zu kümmern er früh aufgehört hat und ohne die er dennoch nicht leben kann, ist sein altes Leben verloren. Sie erscheint ihm immer wieder und auch sein Sohn erinnert ihn immer wieder daran. Bunny steht jetzt in der Verantwortung. Zwar versucht er, seinen Sohn zu vernachlässigen, sich selbst zu überlassen, aber es gelingt ihm einfach nicht. Bunny Junior steht kurz vor der Pubertät, er beginnt sich für Mädchen zu interessieren. Das entgeht seinem Vater nicht, der übrigens auch vor jungen Mädchen nicht zurückschreckt. Doch als der sich anschickt, seinen Sohn in sein armseliges getriebenes Leben einzubeziehen, hält ihn irgendetwas zurück - für Bunny läuft es nicht mehr glatt. Frauen flach zu legen, das gelingt ihm mit seinem Charme und seiner Eloquenz jederzeit, aber eine angemessene Sprache für seinen Sohn findet er nicht. Hier kommt er schließlich an sein Ende.
Bunny muss sterben.
Er weiß es. Er sucht den Tod oder, vielleicht besser: er weicht ihm nicht länger aus. Er ist einfach an das Ende seines Lebens gekommen. Weil er nicht lieben kann, muss er sterben.
Klingt nach einer klaren moralischen Botschaft.
Nein, ich habe keine Botschaft, auch keine moralische. Das können Sie sehen, wie Sie wollen. Ich gebe kein Urteil ab.
Na ja, zum Schluss hin legen Sie noch einmal ordentlich nach. Bunny steuert seinen schäbigen Fiat Punto in einen Lastwagen, auf dem Beifahrersitz: sein Sohn. Nun können Sie natürlich auch sagen: Er weicht diesem Unglück nicht aus. Doch statt gleich zu sterben, taucht Bunny in eine surreale Szene ein. Er findet sich in einem schmuddeligen Tanzklub wieder, eine billige Kapelle spielt, und dann betritt er die Bühne. Das Publikum besteht aus all den Frauen, denen Bunny in seinem Leben begegnet ist. Er bittet sie wortreich um Verzeihung, und tatsächlich - es kommt zur Versöhnung. Zu schön, um wahr zu sein.
Da lege ich eine falsche Fährte. Sie sollen nicht gleich merken, dass Bunny kurz vor seinem Tod eine Halluzination hat. Aber Sie haben dann schon gemerkt, dass diese Versöhnung ein Fake ist? Bei mir gibt es keine Erlösung.
Glaube ich Ihnen nicht. Denn selbst wenn Sie von einer Halluzination sprechen: Woher kommt das beinahe schon christliche Motiv der Erlösung?
(lacht) Oh nein, christlich möchte ich das nicht nennen. Vielleicht sollten Sie die maßlose Übertreibung in dieser Szene als das viel zu groß geratene und daher hilflose oder ungelenke Bild eines Menschen verstehen, der über eine menschengemäße Sprache nicht verfügt. Bunny ist ein Monster, ein extrem menschenferner Mensch.
Es erscheint außerdem noch einmal seine Frau, wieder in dem Nachthemd der Hochzeitsnacht. Sie versichert ihm, dass für den Sohn gesorgt sei - er hat den Unfall überlebt. Dann verabschiedet sie sich mit den Worten: "Hey Bunny, bis gleich." Ist das nicht wenigstens eine Art Versöhnung oder Erlösung im Tode? Mich hat das sehr an ihren ersten Roman "Und die Eselin sah den Engel" erinnert, der voller Anspielungen auf die Bibel ist.
Na gut, nennen wir es eine kleine Erlösung, die lebendig nicht zu haben ist.