Frau Hauer, durch den Absturz der SPD sind Sie nicht wieder in den Bundestag gewählt worden. Was machen Sie jetzt?
Das weiß ich nicht. Ich habe kein Netz oder doppelten Boden. Aber ich habe zwei kleine Mädchen, die ich ernähren muss. Deswegen werde ich mir jetzt einen neuen Job suchen.
Nina Hauer, 41, ist am Sonntag aus dem Bundestag ausgeschieden. Elf Jahre lang gehörte die Sozialdemokratin aus der Wetterau dem Bundesparlament an.
Als erste Nachrückerin besitzt die gelernte Lehrerin Hauer allerdings Chancen, im Laufe der nächsten vier Jahre wieder nach Berlin zu kommen. Dies wäre der Fall, wenn einer der über die Landesliste gewählten SPD-Abgeordneten aus Hessen ausscheiden würde. Das sind sechs der zwölf Mandatsträger aus dem Bundesland.
Als Vertreterin des rechten SPD-Flügels war Nina Hauer beim Listenparteitag der mehrheitlich linken Hessen-SPD mit dem Versuch gescheitert, auf einen der vorderen Plätze zu kommen.
Viele Sozialdemokraten sagen, ein Mangel bei der sozialen Gerechtigkeit sei der wichtigste Grund für die SPD-Niederlage. Sehen Sie das auch so?
Das Thema soziale Gerechtigkeit mag ein Punkt gewesen sein. Allerdings müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass wir 600000 Stimmen an die FDP verloren haben. Die haben wir nicht wegen des Themas soziale Gerechtigkeit verloren.
Sondern?
Eine wichtige Rolle spielt unser Umgang mit der Wirtschaftskrise. Wir hätten sagen können, dass wir keine Alternative zum Eingreifen des Staates hatten. Aber daraus gleich die Ideologie zu machen, dass das die Rückkehr des Staates ist, das hat viele Leute erschreckt. Die haben Angst, wenn sie hören, was solche Staats-Interventionen kosten. Falsch war auch die Strategie, Angst vor Schwarz-Gelb zu machen. Die Mehrheit der Leute hat keine Angst vor Schwarz-Gelb. Wir müssen Wahlkämpfe führen mit der Frage: warum SPD? Und nicht nur: Warum nicht die Anderen?
Also: Warum SPD?
Ich halte unsere Sozialstaatsreform nach wie vor für richtig. Sie ist einer der Gründe dafür, warum wir in Deutschland sagen können: Wir sind bisher ganz gut durch die Krise durchgekommen. Die SPD wird sich entscheiden müssen, ob sie zu ihrer Politik steht. Bisher gibt es immer 50 Prozent, die dafür stimmen, und 50 Prozent, die sagen, das war ein Riesenfehler. Eine Partei, die nicht für sich selber steht, wird von den Leuten als nicht regierungsfähig wahrgenommen. Und als unsympathisch.
Mit Sozialstaatsreform meinen Sie die Hartz-Reformen?
Nicht nur. Ich meine die Vorstellung, dass der Sozialstaat aktiv sein soll. Wir haben es geschafft, zwei Millionen Leute aus der Sozialhilfe herauszuholen. Die hatten früher vom Staat nur noch Stütze zu erwarten. Jetzt haben sie einen Anspruch auf Vermittlung. Die CDU hätte nicht den Mumm gehabt, das so umzusetzen. Wir hätten das stolzer darstellen können. Ein Vertreter dieser Linie ist Matthias Platzeck. Er hat zum zweiten Mal in einer katastrophalen Situation der SPD eine Wahl für sich entschieden. Das hat etwas mit seiner Politik zu tun.
Müssen Sie also in Richtung eines Ampelbündnisses mit der FDP denken?
Ja. Das ist sicherlich eine Konsequenz.
Könnte nicht auch eine Lockerung im Verhältnis zur Linkspartei der SPD neue Machtperspektiven eröffnen?
Wir haben mit der Linkspartei auf der Bundesebene keine Machtperspektive, weil die im Bund nicht regieren wollen. Die können das auch gar nicht mit ihren Positionen zur Außenpolitik, zu Haushaltsfragen, zu Wirtschaftsfragen. Abgesehen davon, dass Oskar Lafontaine nicht regieren will. Er war ja Finanzminister und hat das hingeschmissen. Das gleiche gilt für Gregor Gysi. Einen Zwölf-Stunden-Tag halten die beiden einfach nicht durch.
Sie müssen ein neues Leben beginnen und zugleich darauf vorbereitet sein, dass Sie in den Bundestag nachrücken könnten. Wie wollen sie diesen Spagat in den kommenden Wochen schaffen?
Ich rechne damit nicht. Ich räume jetzt mein Büro aus. Ich kümmere mich um meine Mitarbeiter. Ich freue mich, dass ich jetzt wieder Zeit habe für meine Kinder nach zwei Monaten harten Wahlkampfs. Das steht jetzt für mich im Mittelpunkt.
Interview: Pitt von Bebenburg