Senhor Padilha, Sie haben 2008 den Goldenen Bären gewonnen, sollen einen Ludlum-Thriller verfilmen, Hollywood hofiert Sie. Stattdessen haben Sie jetzt einen Dokumentarfilm über hungernde Familien in Ihrer Heimat Brasilien gedreht. Wieso?
Weil ich das als meine Pflicht empfinde, so sehr mich die Angebote auch ehren. Wissen Sie, als Filmemacher haben wir große Macht. Die können wir nutzen, um die Menschen zu unterhalten und sie zwei Stunden lang ihre Probleme vergessen zu lassen - oder wir öffnen ihnen die Augen, etwa für das Thema Polizeigewalt oder dafür, dass noch immer weltweit 910 Millionen Leute hungern.
Das heißt, Hollywood wird auf Sie verzichten müssen?
Nein, das heißt es nicht. Ich mache einfach beides, so wie Wim Wenders oder Jonathan Demme auch. Aber meine eigentliche Mission sind und bleiben meine Dokumentarfilme.
Was wollen Sie mit Ihrem neuen Film "Garapa" bewirken? Ich bin nicht naiv genug, um zu glauben, dass sich mit diesen 100 Minuten Film irgendetwas ändert. Aber ich bin ja nicht der Einzige, der sich mit dem Thema Welthunger beschäftigt...
Im Gegenteil, es gibt auch dieses Jahr wieder etliche Berlinale-Filme, die sich mit Essen und Nahrungsmangel befassen. Sehen Sie. Und wenn man die alle zusammennimmt und die Anstrengungen aller möglichen Organisationen und Bewegungen dazu zählt, dann verändert sich vielleicht langsam etwas. Es ist ja nicht so, dass das Problem des Hungers in der Welt schwierig zu lösen wäre. Man braucht nur Geld dafür.
Und wer soll dieses Geld ausgeben?
Nun, wer jährlich eine Milliarde Dollar für Waffen ausgibt, sollte eigentlich auch etwas für Arme übrig haben, oder? Aber Politiker tun nur das, was nötig ist, damit sie wiedergewählt werden. Und wenn Hunger ein Wahlkampfthema wird, dann wollen wir doch mal sehen...
Senhor Padilha, Sie haben schon mehrfach mit filmischen Mitteln die Polizeigewalt in Brasilien angeprangert. Ihr Film "Tropa de Elite" hat der berüchtigten Elite-Einheit Bope ein wenig schmeichelhaftes Denkmal gesetzt. Jetzt kommt der kritische "Garapa" dazu. Haben Sie noch nie Schwierigkeiten mit der Obrigkeit bekommen? Ach, na ja, die Zensur ist in Brasilien glücklicherweise abgeschafft worden, und mit den paar Unannehmlichkeiten, die man mir macht, kann ich leben.
Welche Unannehmlichkeiten?
Ein paar Mal haben mir Polizisten gedroht, mich unter Arrest zu stellen. Aber sie haben sich dann doch nicht getraut. Ich würde sagen: Die machen mir keine Probleme, aber ich mache denen gerne welche.
Interview: Jörg Schindler