Herr Schäfer-Gümbel, Sie gehen ohne Schattenkabinett ins Rennen. Will niemand sich mit einem Kandidaten blicken lassen, dessen Zukunft ungewiss ist?
Nein. Wir haben unglaublich wenig Zeit. Deshalb konzentrieren wir uns strikt darauf, dass es um die Alternative Schäfer-Gümbel/Koch geht, um die Frage von Bildungsgerechtigkeit, guter Arbeit, einer Energiewende weg von der Atomkraft und darum, wie wir mit den Folgen der Finanzkrise umgehen.
Thorsten Schäfer-Gümbel, 39, war so überrascht wie alle anderen, als er im November zum Spitzenkandidaten der hessischen SPD ausgerufen wurde. Parteichefin Andrea Ypsilanti hatte den Gießener Landtagsabgeordneten als Koch-Herausforderer ausgeguckt, nachdem ihr Anlauf zur Macht an vier SPD-Abgeordneten gescheitert war. Mit Sachkenntnis und Schlagfertigkeit überraschte Politologe Schäfer-Gümbel auch Parteichef Müntefering: Im Wahlkampf zeigt er sich locker und unbekümmert. Dabei sagen alle Umfragen voraus, dass die Hessen-SPD am 18. Januar das schlechteste Ergebnis aller Zeiten einfahren dürfte.
Zu diesem Thema lautete Ihr Vorschlag: Zwangsanleihe für Reiche. Sind Sie frustriert, weil die Reaktion der Bundes-SPD eisiges Schweigen war?
Ganz im Gegenteil. Das, was ich angeregt habe, war, dass stärkere Schultern mehr tragen müssen als schwächere. Das ist nun eingegangen in den Vorschlag der Bundespartei.
Die Anleihe steht da nicht drin.
Richtig, die Anleihe nicht, sondern die Solidaritätsabgabe Bildung. Mir kommt es nicht auf das Instrument an. Es geht um die Idee, die dahinter steht: Dass diejenigen, die viel tragen können, auch ihren Beitrag leisten müssen.
Andrea Ypsilanti hat als SPD-Spitzenkandidatin eine Euphorie geweckt für den Politikwechsel. Warum gelingt Ihnen das nicht?
Es ist der kürzeste Wahlkampf aller Zeiten. Andrea Ypsilanti hatte über ein Jahr, um sich als Spitzenkandidatin zu profilieren. Und sie war vorher Landesvorsitzende. Sie hat im medialen Wettstreit um die Spitzenkandidatur öffentliche Aufmerksamkeit gehabt. Das fehlt mir alles. Sie können nicht das, was andere in zwei Jahren machen, in 71 Tagen hinkriegen.
Alle Konkurrenten sind für Konjunkturprogramme. Alle sind für mehr Lehrer, für flächendeckende Breitbandanschlüsse
Auch das hat Herr Koch inzwischen entdeckt!
Ist es also fast egal, wer am Ende regiert?
Ganz sicher nicht. Sie sehen das an der Aussage von Herrn Koch, dass der Staat sich zurückziehen müsse, wenn die Krise bewältigt ist. Ich warne davor, zu den alten Strukturen zurückzukehren, die die Ursache für die Krise sind. Genau dafür steht Roland Koch. Er ist ein Marktradikaler. Er ist Lobbyist für Ellenbogen und Egoismus. Er gehört zu den geistigen Vorbereitern all dessen, was uns in die Krise geführt hat. Koch hat mit Sozialer Marktwirtschaft nichts mehr zu tun. Ludwig Erhard würde sich im Grab umdrehen, wenn er das sehen würde.
Das heißt: Der würdige Nachfolger des einstigen CDU-Kanzlers Erhard heißt Schäfer-Gümbel?
(lacht) Ich leide nicht an Größenwahn. Aber ich glaube, dass ich programmatisch sehr viel mehr mit ihm anfangen kann als jemand wie Roland Koch.
Wie meinen Sie das?
Die Frage ist doch: Nehmen Sie als Land Ihre Verantwortung wahr? Koch hat versucht, sich von vielen Aufgaben zu trennen durch Privatisierung, von den Unikliniken in Gießen und Marburg bis zum Gefängnis in Hünfeld. Ich halte das für falsch. Ich will die öffentlichen Beteiligungen erhalten. Das gilt für ein Wohnungsbauunternehmen wie die Nassauische Heimstätte genau so wie für den Flughafen-Betreiber Fraport. Nur so kann ich den Fraport-Vorstand in der Auseinandersetzung mit Fluggesellschaften stärken, wenn es um eine ordentliche Entlohnung des Bodenpersonals geht. Ich will da keine Dumpinglöhne, und bei 80 Cent mehr auf jedes Flugticket würde kein einziger Flug gefährdet. Es gibt noch mehr ganz konkrete Unterschiede: Ich glaube, dass es grundfalsch ist, die Klimaschutzziele für die Automobilindustrie in Frage zu stellen. Wir brauchen diese Anstrengungen, um die deutsche Automobilindustrie zukunftsfähig zu machen.
CDU und FDP sagen: Es gibt eine klare Entscheidung in Hessen. Entweder Schwarz-Gelb oder Rot-Grün-Rot. Haben sie Recht?
Sie haben nicht Recht. Richtig ist: Wenn es nicht Schwarz-Gelb gibt, ist Koch weg. Dann wird er von den eigenen Leuten ausgewechselt. Ihm geht es in diesem Wahlkampf nur um einen einzigen Arbeitsplatz, nämlich seinen eigenen.
Wie lautet die Alternative zu Schwarz-Gelb?
Da gibt es verschiedene Möglichkeiten. Wenn Sie das arithmetisch sehen: Es gibt die Möglichkeit einer großen Koalition, von Jamaika, einer Ampel und auch die Möglichkeit von Rot-Grün-Rot. Was da am Ende rauskommt, kann ich Ihnen heute noch nicht sagen.
CDU und FDP schließen aber alles außer Schwarz-Gelb aus. Damit fallen alle Varianten, die Sie eben genannt haben, weg - außer einer: Rot-Grün-Rot.
Ich habe die Hoffnung, dass alle zu rationalen Politikformen zurückkehren, wenn diese Wahl rum ist.
Sie verlangen stabile Verhältnisse. Kann die Linkspartei ein Partner dafür sein?
Das muss sich zeigen, wenn es zu solchen Gesprächen kommt. Wenn diese Situation nach der Wahl eintritt, müssten wir bewerten, ob dieser Laden regierungsfähig und arbeitsfähig ist.
Vor zwei Monaten war die Linke das für Sie!
Die Welt verändert sich ständig. Wir schauen erst Mal darauf, dass wir am 18. Januar mit einem ordentlichen Ergebnis rauskommen.
Sie gehen fröhlich durch diesen schwierigen Wahlkampf. Was macht Ihnen daran Vergnügen?
Wir haben genügend Problemsucher im Land. Diejenigen, die mit Tatkraft und Zuversicht nach vorne gehen, also Problemlöser, von denen haben wir zu wenige. Zu dem Schlag Menschen zähle ich mich. Dass wir schwierige Verhältnisse haben, gerade als hessische SPD, das weiß niemand besser als ich. Mein Anspruch ist, die SPD wieder als linke Volkspartei zu festigen, die weit in die Mitte hineinwirkt. Diese Aufgabe ist nicht am 18. Januar beendet.
Interview: Pitt von Bebenburg

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