Herr Schäfer-Gümbel, in einigen hessischen Wahlkreisen liegen Ihre Sozialdemokraten hinter CDU, FDP und Grünen auf Platz 4. Ist die SPD noch Volkspartei?
Ja, sicher. Dieses Wahlergebnis ist ein singuläres Ereignis unter besonderen Rahmenbedingungen. Die Wähler sind uns aus Gründen mangelnder Glaubwürdigkeit in Scharen davongelaufen. Wir werden viel Arbeit haben, sie zurückzuholen. Aber den Anspruch, Volkspartei zu sein, geben wir nicht auf.
Bundesweit steht die SPD aber auch nicht viel besser da.
Das hat mit dem Druck zu tun, der durch das Fünf-Parteien-System entsteht. Wir wollten das in Hessen zurückdrängen. Damit sind wir zum zweiten Mal gescheitert. Aber deshalb geben wir doch den Anspruch nicht auf. Die soziale Gerechtigkeit ist Kernauftrag der SPD.
Gibt es im Westen ein Zurück zum Vier-Parteien-System ohne Linkspartei?
Ja, sicher. Es liegt an uns, diese Milieus und Inhalte bei uns wieder zu integrieren.
Die bisherige Parteivorsitzende Andrea Ypsilanti hat die Verantwortung für das Ergebnis übernommen. Trägt sie die alleinige Schuld daran?
Nein. Frau Ypsilanti hat die Verantwortung übernommen. Sie trägt aber nicht die Schuld an der Situation. Wir haben die Entscheidungen in den vergangenen zwölf Monaten gemeinsam als Landespartei getroffen. Der Vertrauensverlust liegt daran, dass wir einen Weg gegangen sind, der nicht zu vermitteln war.
Viele waren beteiligt. Wo sind denn personelle Konsequenzen nötig?
Man kann diese Frage nicht über personelle Konsequenzen lösen. Den Weg haben zunächst 41, am Schluss noch 38 Abgeordnete unterstützt. Auf dem Parteitag haben 98 Prozent der Delegierten dafür gestimmt. Die müssten demnach alle gehen, wenn man so wie Sie über personelle Konsequenzen diskutiert.
Gibt es ein Angebot an Andrea Ypsilanti, für den Bundestag zu kandidieren?
Die Spekulationen der letzten 48 Stunden sind haarsträubend. Sie haben in der Substanz keine Bedeutung. Die Frage, was real passiert, ist noch nicht besprochen. Es gibt ausdrücklich noch keine Personalentscheidungen. Ich werde auch erst Vorschläge machen, nachdem ich mit jedem SPD-Abgeordneten gesprochen habe.
Eine Ihrer großen Aufgabe wird es sein, die Flügel zueinander zu bringen. Wie soll das gelingen?
Durch unendlich viel Miteinanderreden und die Aufforderung, sich einzubringen. Ich sage: Das erste, was an der Garderobe abgelegt werden muss, ist der Allwissenheits-Anspruch. Niemand ist allwissend. Als zweites habe ich gesagt, dass Flügel, die ihre Funktion nicht erfüllen, auch keine Daseinsberechtigung haben. Ich gehe davon aus, dass die Flügel in der Fraktion so nicht mehr existieren werden.
Sind Sie der neue Johannes Rau und folgen dessen Motto: Versöhnen statt spalten?
(lacht) Bei den Jusos hatte ich schon mal diesen Namen, weil ich derjenige war, der alle Teilströmungen zusammengeführt hat. Mir gefällt das nicht schlecht. Johannes Rau steht für die Volkspartei SPD, und er hat entsprechende Mehrheiten organisiert in Nordrhein-Westfalen. Wenn ich 2014 da stehe, wo er war, bin ich sehr zufrieden.
Gibt es für Sie mal wieder einen Moment der Entspannung nach dem harten Wahlkampf?
An Ostern fahre ich mit meiner Familie eine Woche in Urlaub.
Interview: Pitt von Bebenburg und Joachim Wille

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