Wie erreicht man, dass die richtigen Leute Lehrer werden?
Zunächst muss man in den Schulen versuchen, mehr junge Leute für den Beruf zu interessieren. Und dann müssen sie die Chance haben, ihre Wahl zu prüfen.
Udo Rauin ist Direktor am Zentrum für Lehrerbildung, Schul- und Unterrichtsforschung der Goethe-Universität Frankfurt.
Auf der Schwarzen Liste stehen in Hessen als unfähig eingeschätzte Lehrer, die keine Anstellung mehr erhalten. Deren Existenz wurde durch die Berichterstattung der Frankfurter Rundschau öffentlich. Über die Listen ist politischer Streit entbrannt.
Bis zu 27 Prozent der Lehramtsstudenten sind laut einer Studie Rauins für den Beruf ungeeignet. Sie wählten das Studium aus Gründen der Arbeitsplatzsicherheit, der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, einem großen Freizeitbedürfnis oder mangels Alternativen.
"Welche Lehrer braucht das Land" ? - heißt es am Mittwoch, 2. Dezember. Dann laden der Stadtelternbeirat Frankfurt und der Verein Eltern für Schule ein. Udo Rauin spricht im Heinrich-von-Gagern-Gymnasium, Bernhard-Grzimek-Allee 6-8, Frankfurt. Beginn ist um 19.30 Uhr. (pgh)
Wie geht das?
Man braucht Selbsttests, wie etwa CCT im Internet. Dort bekommt man erste Hinweise, ob die Vorstellungen vom Beruf mit der Wirklichkeit übereinstimmen und ob die Gründe, Lehrer zu werden, die richtigen sind.
Was sind richtige Gründe?
Man sollte gerne mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, wissen, ob man die psychischen Belastungen ertragen kann und will, Interesse an einem Fachgebiet haben - und dieses nicht danach wählen, ob man es für leicht hält.
Was sind falsche Gründe?
Wer glaubt, der Lehrerberuf sei ein Halbtagsjob, biete viel Freizeit, sei einfach und mit großer Sicherheit verbunden, ist wahrscheinlich auf dem falschen Weg.
Wer nun aus falschen Gründen Lehrer wird oder sich einfach falsch einschätzt: merkt der das sehr schnell im Studium?
Im Studium merkt er das oft gar nicht. Dort kommen die späteren beruflichen Anforderungen kaum vor. Er muss dort ganz selten vor Klassen stehen, Gruppenprozesse steuern, sich mit Jugendlichen auseinandersetzen, die nach Konfrontation suchen.
Jemand kann einen ordentlichen Abschluss machen und dennoch für den Lehrerberuf völlig ungeeignet sein?
Ja, das geht.
Wann merkt man spätestens, dass es die falsche Wahl war?
Im Referendariat. Dennoch scheitern dort nur sehr wenige.
Warum?
Weil man mehr Lehrer braucht, als sich für den Beruf interessieren.
Man lässt ungeeignete Personen durchkommen, weil man auf keinen verzichten kann?
So ungefähr. Der zweite Grund ist der der sozialen Nähe. Wenn Sie als Ausbilder wissen, dass ein junger Mensch schon fünf oder sechs Jahre in die Ausbildung investiert hat und sie ihn recht gut kennengelernt haben, werden sie zögern, die letzte Instanz zu sein, an der dieser Mensch dann scheitert.
Wie hoch schätzen Sie den Anteil ungeeigneter Lehrer, die ihr Studium erfolgreich beenden?
Ich vermute, dass je nach Lehramt mindestens zehn bis 15 Prozent der Referendare zur Risikogruppe gehören.
Was kann man tun, das zu verhindern? Genügen die Selbsttests?
Nein. Was man braucht, ist ein großer berufspraktischer Anteil im Studium. Spätestens im dritten oder vierten Semester sollte ein langes Praktikum eingebaut sein, das kann ruhig ein ganzes Semester dauern. Funktioniert es auch mit zusätzlicher Unterstützung nicht, ist noch ein Wechsel der Schulform oder des Fachs möglich oder ein Ausstieg. Zu einem so frühen Zeitpunkt geht das noch ohne allzu großen Schaden.
Sollte es zu diesem frühen Zeitpunkt auch eine Prüfung für Lehramtsstudenten geben?
Ja, durchaus. Die meisten merken aber in einem solchen Praktikum selbst, ob sie mit den Anforderungen klarkommen. Allein die Existenz des Praktikums hat eine sehr heilsame Wirkung. Natürlich muss dieses Praktikum sehr gut begleitet werden.
Jetzt werden immer mehr Lehrer ohne Lehrerausbildung eingestellt, weil der Mangel in einigen Fächern und Schulformen so groß ist. Sind die alle geeignet?
Darunter werden schon geeignete Leute sein, die eine Chance haben sollten. Aber viele sind es sicher auch nicht. Ich glaube, mit einigen Seiteneinsteigern wird es mittelfristig noch viel mehr Schwierigkeiten geben als mit den examinierten Problemfällen. Manche Leute waren ja auch in dem Beruf, den sie nun verlassen wollen, nicht unbedingt erfolgreich. Wer prüft, ob dies in der Schule dauerhaft besser wird?
Was also tun? Die Klassen größer machen?
Sicher nicht. Man muss den Beruf attraktiver machen. Ganz wichtig ist es dabei, den jungen Leuten Aufstiegschancen zu eröffnen. Es muss mehr Entwicklungsmöglichkeiten für Lehrer geben anstelle der Standardkarriere, wo bestenfalls die Schulleitung oder das Schulamt als Ziele nach 20 oder 25 Jahren bleiben. Dazu gehören eine Bezahlung nach Leistung und bessere Chancen, früher als bislang herausgehobene Tätigkeiten in der Schule zu übernehmen.
Interview: Peter Hanack

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