Union und FDP wollen längere AKW-Laufzeiten, womöglich sogar neue Kernkraftwerke in Deutschland. Die Atompolitik wird zum Wahlkampfthema. Jochen Flasbarth, Chef des Umweltbundesamts, kritisiert im FR-Interview die Argumente von Schwarz-Gelb.
Die Atomkraft ist keine nachhaltige Energieform sagt Jochen Flasbarth, Chef des Umweltbundesamts, und wiederlegt im FR-Interview die Argumente von Schwarz-Gelb
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Die Atomkraft ist keine nachhaltige Energieform sagt Jochen Flasbarth, Chef des Umweltbundesamts, und wiederlegt im FR-Interview die Argumente von Schwarz-Gelb
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Die Atompolitik ist zum heißen Wahlkampfthema geworden. Union und FDP wollen trotz aller Pannen längere AKW-Laufzeiten - um das Klima zu schützen. Forschungsministerin Schavan lässt sogar über neue AKW nachdenken. Ist das sinnvoll?
Nein. Die Atomkraft ist keine nachhaltige Energieform. Die aktuellen Debatten über die Endlager Asse und Gorleben zeigen das doch überdeutlich. Die Probleme, die der Atommüll verursacht, sind nur mit riesigem Aufwand zu lösen. Diese Probleme noch zu vervielfältigen,führt nur noch weiter in die Sackgasse. Allein diese Facette ist Grund genug dafür, den Atomkonsens nicht aufzukündigen. Hinzu kommt: Wer Laufzeiten verlängert oder neue AKW baut, produziert einen Hemmschuh für den Ausbau der erneuerbaren Energien.
Die Atomkraft ist keine nachhaltige Energieform sagt Jochen Flasbarth, Chef des Umweltbundesamts, und wiederlegt im FR-Interview die Argumente von Schwarz-Gelb
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Dass Kohlestrom weniger CO2 als Atomstrom produziert, wollen Sie aber nicht behaupten...
Die Frage ist doch: Wie erreichen wir die Klimaschutzziele für 2020 und 2050? Das geht nur mit einem massiven Ausbau der erneuerbaren Energien und einer starken Erhöhung der Energieeffizienz in Industrie, Haushalten und Verkehr. Wer die Atomkraft weiter pusht, verhindert diese Alternativen.
Die Gorleben-Story
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Im niedersächsischen Gorleben sollte nach den Plänen von Bundes- und Landesregierung von 1977 ein komplettes atomares Entsorgungszentrum entstehen. Geplant waren ein Zwischenlager für Castor-Behälter, eine Wiederaufarbeitungsanlage (WAA) für abgebrannte Kernbrennstoffe sowie ein Endlager tief unten im Salzstock. Niedersachsens Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) präsentierte den Standort bei einer Pressekonferenz im Februar 1977 in Hannover.
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Der gewählte Standort für das atomare Entsorgungszentrum liegt rund zwei Kilometer südlich der Gemeinde im Landkreis Lüchow-Dannenberg. Die Region befindet sich an der früheren Grenze zur DDR und ist dünn besiedelt.
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Entgegen der Erwartung von Ministerpräsident Albrecht bildete sich schnell eine starke Protestbewegung. 1979 nahmen an einem "Treck nach Hannover" mehr als 100.000 Menschen teil. Albrecht sah ein, dass das große Entsorgungskonzept keine Chance hatte. Er erklärte, eine WAA-Atomfabrik sei "politisch nicht durchsetzbar".
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Die Pläne für das Zwischenlager, in dem Castor-Behälter mit abgebrannten Brennelementen und verglaste hochradioaktive Abfälle untergebracht werden sollten, und für das Endlager wurden jedoch weiter verfolgt.
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Das Zwischenlager wird seit 1984 betrieben. Die Lagerhalle für Behälter ist 4500 Quadratmeter groß und fünf Meter hoch.
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Die regelmäßigen Castor-Transporte nach Gorleben aus der französischen WAA in La Hague, wo abgebrannte Brennstäbe bis zum Jahr 2005 angenommen wurden, sind stets von starken Protesten begleitet.
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Spektakuläre Aktionen, wie hier von Robion Wood, konnten den Transport jedoch allenfalls verzögern.
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Immer wieder blockierten Demonstranten - gut bewacht von der Polizei - den Schienenweg in Richtung Gorleben.
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Die Kreativität der Demonstranten machte den Protest gegen die Transporte nach Gorleben zu regelmäßigen Medien-Aufregern.
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Mit der Hartnäckigkeit der Demonstranten hatte die Polizei oft ihre liebe Mühe.
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Auch Greenpeace gehörte immer wieder zu den wichtigen Impulsgebern der Demonstrationen.
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Menschen aus ganz Europa demonstrieren regelmäßig gegen die Castor-Transporte.
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1979 begann die Untersuchung des Salzstocks, die Aufschluss über die Eignung als Endlager geben sollte. Der Verdacht, dass Niedersachsen den Standort im Wendland nicht primär aus fachlichen, sondern aus politischen Gründen ausgesucht hatte, wurde jüngst bestätigt.
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Als damaliges Mitglied der Auswahl-Kommission sagte der heute emeritierte Geologie-Professor Gerd Lüttig, Albrecht habe Kommissionsempfehlungen nicht abgewartet, sondern sei festgelegt gewesen.
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Zitat: "Er wollte einen Standort in der Nähe der damaligen Zonengrenze haben, weil die Ostzonalen, wie er immer sagte, uns die Geschichte mit ihrem Endlager Morsleben eingebrockt hatten" (Lüttig).
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Im sachsen-anhaltinischen Morsleben hatte Ost-Berlin ein Atom-Endlager nahe der Grenze eröffnet. Nach Aussagen von Experten waren andere norddeutsche Salzstöcke nach Aktenlage mindestens ebenso oder besser geeignet als Gorleben.
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Bis 1983 lief die Voruntersuchung in Gorleben, die von der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) bewertet wurde. Danach startete die untertägige Erkundung, die die Stromkonzerne - und damit die Stromkunden - bislang 1,5 Milliarden Euro gekostet hat. Sie wurde im Jahr 2000 gestoppt.
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Sowohl Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) als auch sein Nachfolger Sigmar Gabriel (SPD) versuchten, eine neue Endlagersuche zu starten. Dabei sollten nicht nur Salzstöcke, sondern auch Granit-Standorte einbezogen werden, die sich in Baden-Württemberg und Bayern befinden. Das scheiterte aber am Widerstand von Union und FDP sowie der Atomwirtschaft, die die Erkundungsarbeiten in Gorleben möglichst schnell wieder aufnehmen lassen wollen.
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Neue Zweifel an der Eignung Gorlebens bringt ein Gutachten des Ex-PTB-Mitarbeiters Ulrich Schneider, das die niedersächsischen Linken in Auftrag gegeben haben. "Es stellt sich die Frage, wann Gorleben absaufen wird", sagte der Geologe. Er verglich den Salzstock mit einem hohlen Zahn, in den Wasser wie Karies eindringe. Frühere Untersuchungen über Wasserläufe in dem Gestein kritisierte er als zu undifferenziert. Wasser dringe in das Steinsalz des geplanten Endlagers umgebenden Kalisalzschichten ein und weiche diese auf.
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Der Salzstock bei Gorleben wird seit 1977 als möglicher Standort zur Endlagerung hoch radioaktiven Atommülls gehandelt. Einige Geologen bezweifeln die Tauglichkeit des Salzstocks in Gorleben als Endlager. Umweltschützer vermuten, dass der Salzstock unter dem Deckmantel der Erkundung bereits seit Jahrzehnten zum Endlager für hoch radioaktiven Atommüll ausgebaut wird. Die FR erzählt die Gorleben-Story und den Protest in Bildern
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Linkspartei in der Krise
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Jochen Flasbarth, Chef des Umweltbundesamts
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Jochen Flasbarth, Chef des Umweltbundesamts
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Die Union schlägt vor, die Laufzeit um zehn Jahre zu verlängern und die Hälfte der Konzern-Gewinne daraus in die Asse-Sanierung, erneuerbare Energien und Sozialstrom-Tarife zu stecken. Das hat doch seinen Reiz!
Mich reizt das nicht. Im Gegenteil. Eine Laufzeit-Verlängerung würde die veralteten Strukturen im Energiemarkt konservieren, die auch von der Monopolkommission kritisiert werden, weil sie den nötigen Wettbewerb verhindern. Und nehmen Sie nur das Thema Asse: Die Sanierung des löcherigen Atommüll-Lagers wird Milliarden kosten. Das zeigt doch, wie absurd das Gerede vom billigen Atomstrom ist.
Können die erneuerbaren Energien die AKW ersetzen?
Das können sie, wenn gleichzeitig die Energieeinsparung so forciert wird, wie die Bundesregierung das vorsieht.
Bei den Effizienz-Zielen hapert es. Die Ziele sind bisher nicht erreicht worden.
Richtig, da muss nachjustiert werden. Das ist eine große Herausforderung für die nächste Legislaturperiode. Wir brauchen Standards für energieverbrauchende Geräte und müssen effizientere Kraftwerke durchsetzen, etwa die Kraft-Wärme-Kopplung ausbauen.
Wie teuer wird der Strom für die Bürger dann?
Strom wird teurer, egal, ob neue Atom- oder Kohlekraftwerke gebaut werden oder wir die erneuerbaren Energien forcieren. Atomstrom ist nicht wirklich billig, Kohlemeiler brauchen teure CO2-Zertifikate, und die Erneuerbaren anfänglich noch Markteinführungshilfen. Längerfristig sind Ökoenergien aber der kostengünstigerer Weg.
Die Konzerne warnen vor einer Stromlücke, wenn die AKW auslaufen und keine neuen Kohlekraftwerke gebaut werden. Wie groß ist diese Gefahr?
Das ist ein Märchen, das gern erzählt wird, um die alten Strukturen zu konservieren. Wir haben nachgewiesen: Die Stromlücke droht nicht. Die alternativen Energien sollen zügig ausgebaut werden.
Gorleben ist wieder heftig in der Kritik. Halten auch Sie den Standort für "politisch tot"?
Das Projekt Gorleben ist zumindest stark beschädigt worden. Nur eine neue, offene Endlagersuche mit einem Vergleich von Standorten kann das heilen. Das schlägt ja auch das jetzt bekannt gewordene Gutachten des Bundesforschungsministeriums vor.
Was halten Sie vom "VW-Motor im Keller", dem Projekt von Volkswagen und dem Öko-Energieanbieter Lichtblick, Strom aus dem Heizungskeller nach Bedarf in das Netz einzuspeisen?
Das ist eine vernünftige Geschichte. Es könnte Teil eines virtuellen Kraftwerks werden, bei dem erneuerbare Energien und hochflexible, dezentrale Blockheizkraftwerke auf Gas-Basis zusammengeschaltet werden. Es gibt noch ein paar Hürden, aber die sind zu meistern. So müssen die Keller-Motoren genauso emissionsarm sein wie Autos oder neue Gaskraftwerke.
Die Debatte über Energie wird heftig geführt. Allerdings werden auch viele andere Ressourcen,vor allem Rohstoffe zunehmend knapp
Das ist richtig - und für die Wirtschaft durchaus gefährlich. Leider steht dieses öffentlich zu wenig im Fokus. Jüngst hat die deutsche Industrie beklagt, dass wichtige Rohstoffe, zum Beispiel seltene Metalle, knapp zu werden drohen. Sie hat die Bundesregierung aufgefordert, deswegen bei Ländern wie China zu intervenieren, damit diese die Rohstoffe weiter billig liefern.
Das ist aber ein zu kurzsichtiger Ansatz.
Ein viel effizienterer, intelligenterer Einsatz der Rohstoffe, maximales Recycling, Übergang zur Modulbauweise, damit Bauteile leicht wiederverwendet werden können.
Aber: Alle Welt ruft nach Wachstum. Wachstum, also mehr Konsum, mehr Transport, mehr Ressourcenverbrauch, soll aus der aktuellen Wirtschaftkrise führen. Da propagieren Sie das Einsparen...
Das wird funktionieren. Gerade diejenigen Volkswirtschaften werden künftig die Nase vorne haben, die wissen, wie man aus weniger Rohstoffen mehr macht, und die ressourcenleicht produzieren. Warum nicht Deutschland mit seinen tollen Ingenieurinnen und Ingenieuren?