Washington. Ganz Amerika kennt ihn jetzt, Joe Wurzelbacher, den glatzköpfigen Klempner aus Ohio. Sechsundzwanzig Mal, zählte die Los Angeles Times, fiel sein Name in der Nacht zu Donnerstag bei der dritten und letzten TV-Debatte der Präsidentschaftskandidaten Barack Obama und John McCain. Joe Wurzelbacher saß zu Hause am Fernseher und fand das "ganz schön surreal, Mann, dass mein Name bei einer Präsidentschaftsdebatte erwähnt wird".
John McCain war es gewesen, der gleich zu Beginn des 90-minütigen Schlagabtauschs in der Hofstra University in Hempstead vor den Toren New Yorks die Nation mit "meinem Kumpel Joe dem Klempner" bekannt machte. Dabei hatte er ihn nie getroffen. Joe Wurzelbacher hatte McCains Rivalen Obama am Wochenende bei einer Wahlveranstaltung zu dessen Steuerplänen zur Rede gestellt. Er wolle eine Klempnerfirma übernehmen, erklärte der stiernackige Mann mit Ziegenbärtchen da vor surrenden Kameras, und es stimme doch, dass er als hart arbeitender Kleinunternehmer unter einem Präsidenten Obama mehr Abgaben werde zahlen müssen, nicht wahr? "Joe, er will dein Geld wegnehmen", bestätigte McCain in der Debatte und warf Obama "Klassenkampf" gegen Joe den Klempner vor.
Eine halbe Stunde lang sprach McCain immer wieder direkt in die Kamera zu seinem neuen Kumpel aus Toledo, und das Urteil der Kommentatoren war anschließend eindeutig: Es waren die stärksten 30 Minuten des Republikaners in allen Debatten. Endlich schien er sich für den kleinen Mann stark zu machen, endlich hatte er Obama mal bei einem Sachthema in die Defensive gedrängt und als Big-Government-Demokraten hingestellt, der den Leuten in die Taschen greifen und "Reichtum umverteilen" will. "Joe, du bist reich!" rief McCain.
Wenn der Senator aus Arizona am Ende in Umfragen trotzdem wieder als Verlierer der Debatte dastand, dann vor allem, weil McCain es nach der Klempner-Attacke wieder mit persönlichen Angriffen versuchte - und Obama sich auch diesmal nicht provozieren ließ. Der Demokrat, so verlangte McCain, müsse Auskunft geben über "den vollen Umfang" seines Verhältnisses zu dem "Terroristen" William Ayers, einem früheren militanten Vietnamkriegsgegner und heutigen Universitäts-Professor. Gleiches gelte für seine Beziehung zu der Wohlfahrtsorganisation Acorn, die beschuldigt wird, bei Initiativen zur Registrierung von Wählern gegen Gesetze verstoßen zu haben. McCain sagte, Acorn begehe "vielleicht eine der größten Wahlbetrügereien der Geschichte dieses Landes, sie zerstört womöglich gar das Gewebe der Demokratie".
Weil der Republikaner zuletzt in Umfragen beständig hinten lag, hatten seine Berater nebst Vize-Kandidatin Sarah "Pitbull" Palin ihn gedrängt, beim letzten gemeinsamen Auftritt vor Millionenpublikum tief in die Schmutzkiste zu greifen. Die Strategen um McCains Wahlkampfchef Steve Schmidt glauben, nur wenn sie beim Wähler Zweifel an Obamas Charakter, Vertrauenswürdigkeit und Patriotismus wecken, ist der Demokrat noch zu stoppen. Doch McCains Sympathie-Barometer bei CNN sackte steil ab, sobald er die Tiraden über Ayers und Acorn begann. Die fünf Minuten, in denen der Republikaner wieder wie der "griesgrämige Alte" wirkte, ruinierten für ihn den Abend.
Dabei hätten sie im McCain-Lager wissen können, dass die Taktik nicht funktioniert. Alle Umfragen legen nahe, dass die Negativkampagne nach hinten losgeht. Die unentschlossenen Wähler der Mitte wollen anderes hören: Wie die Kandidaten die Probleme des Landes angehen wollen. Schon vor der letzten TV-Debatte war diese womöglich wahlentscheidende Gruppe vor allem von McCain enttäuscht. Sechs von zehn Befragten klagten, der Republikaner verbringe zu viel Zeit mit Attacken und erkläre zu wenig, was er als Präsident zu tun gedenke. Unter denjenigen, die ihre Meinung während der Debatten änderten, hatte sich der Eindruck von McCain verschlechtert, der von Obama verbessert. Plötzlich galt der junge Senator als "sichere Wahl", sein erfahrener Kollege als "riskanter".
Damit könnte Obama in den Debatten die größte Hürde übersprungen haben, die Demoskopen für ihn auf dem Weg ins Weiße Haus sehen: den "Präsidententest". Nur wenn die Bürger ihm das Amt zutrauen, könne er gewinnen, so der demokratische Meinungsforscher Stan Greenberg. McCain wiederum habe nur Siegchancen, wenn er sich klar von Amtsinhaber Bush abgrenze. In Hempstead hat er das deutlicher denn je versucht: "Senator Obama, ich bin nicht Präsident Bush. Wenn sie gegen Präsident Bush antreten wollen, hätten sie vor vier Jahren kandidieren müssen."
Glaubt man den Blitzumfragen, dann ist McCain freilich auch mit der Geschichte von Joe dem Klempner nicht jener Befreiungsschlag gelungen, auf den die Republikaner gehofft hatten. CNN rief Obama mit 58 Prozent zu 31 Prozent nach der dritten Debatte zum dritten Mal zum Sieger aus.