Kannst du mich hören, Europa!", tönte es schon Ende April laut über den Berliner Alexanderplatz. Die EU hatte gemeinsam mit dem Musiksender MTV zahlreiche Jugendliche zum großen "Shout" aufgerufen. "Zeig Stimme! Mach mit bei Europas größter Soundwelle und lass dich auf MTV hören", lautete das Motto der gemeinsamen Aktion, die gleichzeitig in Mailand, Prag und Paris junge Leute für die Europawahl am 7. Juni mobilisieren sollte. Sie sollten öffentlich sagen können, was sie von Europa halten.
Auf der MTV-Seite finden sich die verwackelten Videofilmchen dieser Kampagne zwischen Musik-Clips und Interviews mit Pop-Stars. Die EU versucht auf multimedialen Wegen, junge Leute für die Wahl zu interessieren und ihre Leistungen darzustellen.
So erfahren jugendliche Internet-Nutzer, was die EU alles getan hat, etwa um die Kosten für Handy-Gebühren und SMS-Nachrichten zu senken. Das Angebot EU-Tube, ein eigener Kanal der Europäischen Kommission, findet sich auf der Video-Tauschbörse YouTube wieder und EU-Abgeordnete zwitschern über Twitter.
Dabei geht es ganz stark darum, auch Erst- und Zweitwähler zu erreichen. Schon bei der letzten Europawahl 2004 fiel die Beteiligung der 18-24-Jährigen europaweit besonders gering aus. Es waren gerade mal 33 Prozent dieser Altersgruppe, die ihre Stimme abgaben. In Brüssel ist die Sorge groß, es könnten in diesem Jahr noch mehr junge Leute zu Hause bleiben. Deshalb sollen You Tube, Twitter , Facebook und MTV dabei helfen, die "Euro-Generation" an die Urne zu locken.
"Junge Menschen sind die Zukunft der Europäischen Union. Wir brauchen ihre frischen Ideen und ihre aktive Mitarbeit. Wir müssen sie wissen lassen, dass ihre Stimme gehört wird und wie wichtig es ist, dass sie über Europa diskutieren und an den Wahlen zum Europäischen Parlament teilnehmen", betont die Vizepräsidentin der EU-Kommission, Margot Wallström die Bedeutung der Jugendkampagne. Doch die Kluft zwischen virtueller EU-Werbung und der Lebenswirklichkeit junger Leute könnte kaum größer sein.
"Ich weiß nicht, was da eigentlich gewählt wird"
"Keine Ahnung, worum es da geht" und "Ich weiß nicht, was da eigentlich gewählt wird", lauten die typischen Antworten von Schülern der zwölften Klasse an der Berliner Robert-Jungk-Oberschule im bürgerlichen Stadtteil Charlottenburg-Wilmersdorf. Die meisten Jungen und Mädchen sind Erstwähler und wirken angesichts dieses ersten Urnengangs überfordert. Ihnen fehlen bislang die grundlegenden Informationen über die EU. Da helfen ihnen Twitter und You Tube wenig weiter.
"Das müsste eigentlich in der Schule gebracht werden", meint der Schüler Patrick Vukovic, aber der Lehrplan sieht das Thema "Europäische Union" erst im kommenden 13. Schuljahr vor. Wofür die Parteien stehen und welche Programme sie vertreten, weiß man nicht so genau, finden die meisten Schüler. Über die Bundestagswahl werde zu Hause diskutiert, aber über die Europa-Wahl sprechen ihre Eltern mit ihnen nicht.
Auch die Lehrerin räumt ein, wenig mehr zu wissen als ihre Schüler. Dass ihre Schule eine Europaschule mit polnischem Schwerpunkt ist, zeige sich in einer verstärkten polnisch-deutschen Zusammenarbeit. Europapolitik sei deshalb aber kein besonderer Schwerpunkt im Unterricht.
Für Moritz Jahnke von der Jungen Europäischen Bewegung sind solche Äußerungen wenig überraschend. "Europa funktioniert nicht, wenn man nicht weiß, was das ist", sagt der 31jährige Europa-Enthusiast, dessen Verein seit Jahren versucht, das europäische Bewusstsein junger Leute zu stärken. An jedem 7. des Monats sind die Aktivisten bis jetzt als Sterne verkleidet durch Berlin gezogen, um mit einer Europa-Fahne und Faltblättern schon frühzeitig an die Europawahl zu erinnern.
Das Gefühl, dass es um nichts geht
Jahnke sieht die Verantwortung für die mangelnden Informationen bei jungen Leuten vor allem bei der älteren Generation: "Das Europa-Bild wird ja von Lehrern und Eltern geprägt", sagt Jahnke. "Wenn die nicht das Gefühl vermitteln, das ist wichtig und da musst Du hingehen, dann haben auch Jugendliche das Gefühl, dass es da um nichts geht." Seine Initiative geht deshalb in Schulklassen und organisiert Diskussionsrunden.
Einmal im Jahr lädt die Junge Europäische Bewegung 200 Schüler dazu ein, ein paar Tage selbst in die Rolle von Europa-Abgeordneten zu schlüpfen und in Berlin das EU-Parlament zu simulieren. So können Jugendliche am eigenen Leib erfahren, wie europäische Politik in der parlamentarischen Praxis abläuft.
"Das grundsätzliche Problem ist, dass der Politikunterricht in deutschen Schulen unterrepräsentiert ist und Europa damit allemal", klagt der Sprecher im Berliner Informationsbüro des EU-Parlaments, Jens Pottharst. "Wir würden uns wünschen, dass der Unterricht sich der EU ebenso widmen würde wie Bundestag und Bundesrat", so Pottharst. Aber überkommene Klischees und veraltete Lehrmaterialien seien in den Klassen sehr verbreitet.
Gerade die Machtbefugnisse des Europaparlaments hätten sich in den letzten Jahren so stark verändert, dass es für Politiklehrer vermutlich auch schwierig sei, überhaupt Schritt zu halten, räumt Pottharst ein. Eigentlich böten die EU, die Bundeszentrale für politische Bildung und andere Institutionen für die Unterrichtsgestaltung eine Fülle von Materialien an, in Berlin beispielsweise einen Europa-Schulkoffer. "Warum es dennoch nicht klappt, ist das große Rätsel", so der Vertreter des EU-Parlaments.
Zu wenig Geld für Jugendprojekte
Auch die Wissenschaftlerin Barbara Tham macht Gründe für das mangelnde Interesse der meisten Jugendlichen am Unterricht fest: "Schuld ist diese unsägliche Schulpolitik, die Sozialkunde so abgewertet hat", sagt Tham, die in der Forschungsgruppe "Jugend und Europa" am Centrum für angewandte Politikforschung in München tätig ist. "Da muss man sich über Informationslücken nicht wundern."
Es sei für Lehrer schwierig, in zwei oder drei Schulstunden zu vermitteln, was die Europäische Union ausmache. "Dafür ist Europa zu kompliziert." Tham beklagt vor allem, dass es in Deutschland an einer kontinuierlichen Bildungsarbeit zur Europapolitik fehle. Es werde für langfristige Angebote in der Politischen Bildung und in der Jugendarbeit zu wenig Geld investiert. Sie sieht dabei auch Kommunen, Landesregierungen und die Bundesregierung stärker in der Pflicht, sich für Europa nachhaltiger einzusetzen. "Dabei vor allem auf das Internet zu vertrauen, ist zu kurz gegriffen", findet sie.
Auch die Schüler zeigen sich an den Internet-Angeboten der EU wenig interessiert. "Ich suche doch im Internet nicht nach dem Europa-Parlament", sagt der 20jährige Cem Karaban skeptisch. "Die sollten das besser in der Schule versuchen, da müssen wir schließlich hin."
Seine Mitschülerin Lena Oelckers könnte sich gut vorstellen, zur Wahl zu gehen, wenn sie mehr Informationen hätte. Nach der Tagesschau habe sie kürzlich mal einen Werbespot gesehen, aber ihre Skepsis gegenüber allen Parteien sei groß. "Die Politiker wollen auf Stimmenfang gehen, weil wir jung sind und noch nicht so Bescheid wissen", bringt Mahmud Zeidan die Unsicherheit vieler Mitschüler zum Ausdruck. Das findet auch Jessica Grotzki. Es wäre schön, meint die Schülerin, wenn sich die Politiker nicht erst kurz vor den Wahlen für die Jugend interessierte.