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Dossier

08. März 2010

Kathryn Bigelows Irakkriegsdrama: Die Zeit ist gekommen

 Von Daniel Kothenschulte
Kathryn Bigelow hat es geschafft.  Foto: Foto: dpa

Der Triumph von Kathryn Bigelows Irakkriegsdrama "The Hurt Locker - Tödliches Kommando" kam nicht ganz unerwartet. FR-Filmkritiker Daniel Kothenschulte gibt seine Einschätzung der diesjährigen Oscar-Verleihung.

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Der doppelte Triumph von Kathryn Bigelows Irakkriegsdrama "Tödliches Kommando" in den Kategorien Beste Regie und Bester Film kam nicht ganz unerwartet. Viele amerikanische Beobachter hatten zuletzt auf den spät berufenen Außenseiter gesetzt und ihm größere Chancen eingeräumt als dem Zukunftsfilm "Avatar", immerhin dem erfolgreichsten Werk der Hollywoodgeschichte.

Und doch verblüffte die Eindeutigkeit, mit der die Mitglieder der Filmakademie gegen James Camerons Phantasie und für den Realitätssinn seiner ehemaligen Ehefrau Bigelow votierten. Conferencier Steve Martin, der gemeinsam mit Alec Baldwin durch den Oscar-Abend geführt hatte, landete seinen letzten und besten Scherz, als er die Dimensionen von Entscheidung und Gala auf einen Nenner brachte: "Diese Show war so lang, dass ‚Avatar’ jetzt bereits in der Vergangenheit spielt".

Schon zur Bekanntgabe des als sicher eingeschätzten Regiepreises an Kathryn Bigelow hatte man sich einen dramaturgischen Coup einfallen lassen: Die Öffnung des Umschlages war mit Barbra Streisand einer Regisseurin anvertraut worden, die gerne selbst einmal als erste Frau diesen Preis bekommen hätte: 1992 war sie für "Herr der Gezeiten" nominiert gewesen, 1984 mit ihrem anspruchsvollen Musical "Yentl" vollkommen übergangen worden. Die Nennung der Gewinnerin unterbrach sie mit einem feierlichen: "Die Zeit ist gekommen". Und das am Vorabend des Weltfrauentags.

Man kann sich tatsächlich fragen, warum es so lange dauern musste, bis eine Regisseurin den Oscar erhalten hat. Die einfachste Antwort auf diese Frage ist wohl, dass Kathryn Bigelow unter Filmliebhabern bereits seit zwei Jahrzehnten als beste Regisseurin Amerikas gilt, aber noch nie einen typischen "Oscar-Film" drehte: Da sie stets im Genrekino arbeitete, trat ihre tatsächlich unverkennbare künstlerische Handschrift weniger offen zu Tage, als dies im Autorenfilm europäischer Prägung möglich gewesen wäre.

So wurden ihre früheren Filme "Near Dark", "Blue Steel", "Gefährliche Brandung" und "Strange Days" zwar zu Kultfilmen, aber nicht auf den Sockel jener Sorte gediegener Unterhaltungs-Kunst gestellt, wie sie der Oscar besonders liebt. Noch bei seiner Premiere auf dem letztjährigen Festival von Veneding fand "Tödliches Kommando" nicht die gebührende Beachtung und unterlag gegenüber einem anderen Kriegsfilm - dem israelischen Beitrag "Lebanon".

Die Freude bei der stets bescheiden auftretenden Regisseurin, mit 58 Jahren im Übrigen auch die schönste Frau des Abends, konnte nicht größer sein. "Man kann es nicht beschreiben, es ist der Augenblick eines Lebens", sagte Bigelow. Ihr erster Dank galt dann dem ehemaligen Kriegsreporter Mark Baal, der für sein Originaldrehbuch und seine Rolle als Mitproduzent ebenfalls zwei Oscars mit nach Hause nehmen durfte. Den Stoff über die Arbeit eines Bomben-Entschärfungstrupps hatte er als eingebetteter Journalist entwickelt. Der abschließende Dank der Regisseurin richtete sich schließlich an die verbliebenen US-Soldaten im Irak, denen sie eine sichere Heimkehr wünschte.

Tatsächlich lässt sich Bigelows Film durchaus als Denkmal des Unbekannten US-Soldaten verstehen - freilich vor dem Hintergrund eines sinnlosen Regierungsauftrags. Wie kunstvoll ihr Film dabei handwerklich gearbeitet ist, wurde von der Akademie deutlich herausgestellt, in dem auch Filmschnitt und Ton prämiert wurden.

Jeff Bridges, wie allgemein erwartet als alternder Country-Sänger in "Crazy Heart" geehrt, hielt die liebenswerteste Dankesrede: Gleich viermal dankte er darin "mom and dad", deren Liebe zum Showgeschäft er anrührend schilderte. Sandra Bullock, ausgezeichnet für ihre Mutterrolle im Sportlerdrama "The Blind Side", gelang eine der wortreichsten Ansprachen der Oscar-Historie.

Zunächst schien sie sich mit Liebeserklärungen gegenüber den glücklosen Mitbewerberinnen vor der emotionalen Überwältigung zu retten, wobei sich eine sichtlich verblüffte Meryl Streep als "großartige Küsserin" loben lassen musste. Dann jedoch kam ihr ihre eigene Mutter in den Sinn und wie wenig sie in Teenagertagen auf sie gehört habe. Damit war es um Bullocks Fassung geschehen. Unter Tränen musste sie sich von Sean Penn vom Podium führen lassen, der ihr die frohe Botschaft zuvor übermittelt hatte. Man konnte ihm ansehen, dass er im Leben schon mehr Frauen zum Weinen gebracht haben muss.

Christoph Waltz schließlich, inzwischen der wohl meistgeehrte Schauspieler der Saison, hatte sich seine Worte sorgsam zu recht gelegt: Die Arbeit an "Inglourious Basterds" verglich er mit der Entdeckungsreise zu einem neuen Kontinent, die er immer hatte unternehmen wollen. Das Bild von der Seereise unter Käpt’n Tarantino eignete sich gut, um alle Namen, denen zu danken war, unterzubringen - und war dennoch weniger bewegend als die Worte, die Waltz’ seinerzeit nach dem Darstellerpreis in Cannes eingefallen waren. Erst dieser Filmemacher, so sagte er damals mit Blick auf seine zum Teil obskuren Fernseharbeiten, habe ihm den Sinn seiner Arbeit wieder zurückgegeben. Nun scheint der Film für den Glücklichen nur der Auftakt zu neuen Abenteuern.

Und "Das weiße Band"? Auch in den USA hatte die Fachpresse überwiegend auf einen deutschen Gewinner des "Auslandsoscars" gesetzt. Stattdessen siegte mit dem argentinischen Beitrag "El secreto de sus ojos" der Außenseiter. Im vergangenen Jahr noch glücklos auf dem Festival von San Sebastian gezeigt, erzählt der Politkrimi von der späten Aufklärung eins staatlich verübten Mordes aus den Siebziger Jahren. Über den spanischen Sprachraum hinaus ist das Drama bislang nicht vorgedrungen. Das dürfte sich nach dem Oscar ändern. S

chon vor zwei Jahren hatte ein selbst in den USA völlig unbekannter Film den Preis davon getragen, der danach die Welt eroberte: Der wunderbare japanische Begräbnisfilm "Nokan - Die Kunst des Ausklangs". Das mag vielleicht trösten. Denn "Das weiße Band", Michael Hanekes Kunstfilm, hat die Welt ja schon mit der Goldenen Palme in der Hand erobert.

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