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Kein Interview: Faulenzen mit Sir Kingsley und DiCaprio

Als Gott den Journalismus erfunden hatte, schuf er das Round-Table-Gespräch, um sich einen Spaß zu machen. Wie Jörg Schindler auf der Berlinale trotzdem versuchte, ein Interview mit zwei Superstars zu führen.

Der britische Schauspieler Sir Ben Kingsley (v.l.), der US-amerikanische Regisseur Martin Scorsese und der US-amerikanische Schauspieler Leonardo DiCaprio.
Der britische Schauspieler Sir Ben Kingsley (v.l.), der US-amerikanische Regisseur Martin Scorsese und der US-amerikanische Schauspieler Leonardo DiCaprio.
Foto: ddp

Als Gott den Journalismus erfunden hatte, schuf er das Round-Table-Gespräch, um sich einen Spaß zu machen. Fürderhin, beschloss er, sollten Pressefuzzis Filmstars auf großen Ereignissen nurmehr als Meute begegnen. Und so kam es. Und er sah, dass es nicht gut war. Und freute sich diebisch.

Es ist Samstag, High Noon, als zwölf übernächtigte Medienmenschen im Regent Hotel in einen Raum gepfercht werden, in dem ein Doppelbett durch einen runden Tisch ersetzt wurde. Einigen ist anzusehen, dass sie das bedauerlich finden. Gleich werden Ben Kingsley und Leonardo DiCaprio nacheinander hereingeführt werden, um über "Shutter Island" zu sprechen. Das ist ein Film von Martin Scorsese, in dem Letzterer die Haupt-, Ersterer eine Nebenrolle spielt. Es geht darin um Wahnsinn. Das trifft sich gut.

Die meisten Kollegen kennen sich. Man hat gerade erst zu nachtschlafender Stunde einen ziemlich zähen chinesischen Film durchgestanden oder drei Stunden gemeinsam auf den indischen Schauspieler Shah Rukh Khan gewartet. Das schweißt zusammen. Alle haben sich mehr oder weniger kluge Fragen überlegt. Zwanzig Minuten pro Filmstar sind angesetzt, das macht rechnerisch vielleicht 0,7 Fragen pro Journalist. Wenn es gut läuft, auch 0,8.

Dann kommt eine sehr nervöse und sehr blonde Frau ins umgebaute Doppelzimmer und verkündet so, dass sich Widerworte erübrigen: keine privaten Fragen, keine Fotos, keine "Station ID" - was leises Rumoren bei den Kollegen vom Rundfunk auslöst - und, ach ja: "Wir haben doch nur 16 Minuten." Dann geht sie wieder, was den Zurückgebliebenen die Gelegenheit gibt, darüber nachzusinnen, ob es privat oder geschäftlich wäre, einen Di Caprio zu fragen, ob er sich vorstellen könne, dass seine Filmfigur ein israelisches Modell heiraten würde. Allgemeine Heiterkeit. Man einigt sich darauf, es lieber nicht zu versuchen.

Dann kommt Ben Kingsley. Er ist dick geschminkt, gerade waren Fernsehleute da, hat einen akkurat getrimmten Kinnbart, noch größere Ohren als man dachte - und wirkt ziemlich miesmuffelig. Die Fernsehleute, heißt es, hätten den Sir unbotmäßig getriezt. Die Schreiber müssen es jetzt wieder ausbaden.

Es wird dann aber doch ganz nett, wenn auch nicht wirklich weiterführend. Es sei denn, man hält Schilderungen über die Schönheiten Yorkshires, einen sehr kurzen Exkurs in die Anfänge der modernen Psychiatrie und die Feststellung, bei Tennis handele es sich "um eine exzellente Metapher fürs Schauspielern" schon für ein erschöpfendes Gespräch.

Am Ende, immerhin, lässt der in der Tat sehr britische Kingsley dann doch überraschend wissen, er betrachte "Shutter Island" als idealen Film für das erste Date mit einer neuen Flamme. Die zwölf Verschworenen am Tisch sind entschieden anderer Meinung. Sagen es aber nicht. Wer weiß, ob man Kingsley damit nicht zu nahe träte. Dann müssten wieder andere büßen.

Schon steht auch Leonardo DiCaprio in der Tür. Grauer Anzug, Stoppelbewuchs der Kinnpartie, gegelte Haare, klein. Wie ja überhaupt alle Schauspieler auf der Leinwand viel größer wirken als in echt. Außer Hugh Jackman, bei dem ist es umgekehrt, warum auch immer.

DiCaprio jedenfalls schnappt sich sogleich eine Coke, an der er fortan beständig nuckeln wird, und wirkt amüsiert angesichts des kleinen Wettkampfs, den sich die Journalisten vor ihm liefern und dessen Regeln ziemlich simpel sind: Wer als erstes die Zehntelsekunde erkennt, in der DiCaprio nicht mehr spricht, sondern atmet (oder nuckelt), der hat gewonnen. Leider sind nicht immer die mit den besten Fragen auch die Geschwindesten, weswegen wertvolle Minuten vergehen mit Nicht-Antworten auf: Was haben Sie aus diesem Film für sich gelernt? Wie sieht Nichtstun für Sie aus? Wie gut sprechen Sie Deutsch?

DiCaprio, der deutsche Vorfahren hat und in "Shutter Island" sogar drei sehr passable deutsche Sätze spricht, gibt sich dabei alle Mühe, nicht gelangweilt zu wirken. Und gewährt dann doch noch sehr tiefe Einblicke in sein Seelenleben. Nie im Leben hätte man etwa gedacht, dass der 35-Jährige sich gerne Filme anschaut und "noch immer dieselbe Leidenschaft spürt" wie 1990, als seine bemerkenswerte Karriere begann. Erstaunlich auch: "Je älter ich werde, desto klüger werde ich". Oder dieses: "Schmerzen sind vorübergehend - Filme sind für die Ewigkeit." Darüber würde man gerne einen Moment in Ruhe nachgrübeln, aber die Zeit drängt ja, also auf zur nächsten Atempause.

Dann sind die 40 respektive 32 Minuten mit den beiden Superstars auch schon fast vorüber. Und als man noch darüber nachgrübelt, wie man das alles nun der Heimatredaktion verklickern soll, damit keiner denkt, man mache sich auf der Berlinale nur mal eben einen Lenz, da steht Leonardo DiCaprio auch schon auf, grinst in die Runde und sagt, auf Deutsch, was er in Deutschland am liebsten isst: "Kartoffel-Pfannekuchen". Na, das ist doch mal was. Damit lässt sich ja schon fast ein ganzer Artikel schreiben.

Autor:  Jörg Schindler
Datum:  15 | 2 | 2010
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