Eine Pressekonferenz mit Kanzlerkandidat könnte nicht besser besucht sein. Eine echte. Sicherlich träfe man dort mehr Schwergewichte aus Funk, Fernsehen und Print, und vermutlich weniger Praktikantinnen. Aber mehr Leute, und vor allem so gut gelaunte? Kaum. Und immerhin ist ja Werner Sonne da, ARD-Korrespondent und "unser Mann in Berlin". Sie alle sind dem Ruf der HSP gefolgt, der ockerfarbenen Partei, links, liberal und konservativ. Zur offiziellen Vorstellung ihres Kanzlerkandidaten: Horst Schlämmer, die bisher erfolgreichste Kunstfigur des Komikers Hape Kerkeling. Was als Wahlkampfauftakt im Berliner Hotel Ritz angekündigt ist, ist eine riesige PR-Veranstaltung für Kerkelings neuen Film: die Horst-Schlämmer-Dokumentation "Isch kandidiere".
30 Kamerateams und Dutzende von Journalisten sind gekommen. Kandidat Schlämmer erscheint wie gewohnt in zerknautschtem Trenchcoat, ockerfarbener Knitterkrawatte, mit Überbiss und Unfrisur. Zufrieden grunzt Deutschlands Hoffnung aus Grevenbroich ins Mikrofon und beguckt sich die Journalistenmeute. Härrhgrmpf.
Erst mal vorsichtig fragen, was der Mann will: "Janz klar, mehr Gereschtischkeit", 2500 Euro Grundeinkommen, "Schönheits-OPs auf Kasse", aber auf keinen Fall Schweinegrippe: "Schweinegrippe? Mit uns nich - janz klare Position." Eine Koalition mit den Grünen strebt der Kandidat an, allein schon wegen der Farben: "Ocker und Grün, dat finde ich schön - Fango-Koalition." Prognose: "37 plus - wir sind drin."
Schlämmer grient und nimmt die Medienvertreter genauer ins Visier: "Na, und Sie? Von der Bunten sind Se, ja? Müssen Se sich ma bisschen lebhafter anziehen, dat man Sie auch sieht."
Einige Journalisten wirken verunsichert: Ist das jetzt Schwachsinn, ein geistreiches Späßle - oder gar entlarvende Kunst? Wenn Letzteres zutrifft, wer wird heute entlarvt - die Politiker oder die Journalisten?
Ach, so richtig unseriös kann es nicht sein, denn, wie gesagt, Werner Sonne ist da. Schlämmer hat ihn auch schnell entdeckt, den graumelierten Herrn, zwischen all den Gesellschaftsreportern und blutjungen Moderatorinnen von hippen Radiosendern und Magazinen.
"Herr Sonne, fragen Sie doch auch mal was. Herr Sonne, Sie sind der Einzige, den ich kenne", Schlämmer deutet den Politik-Experten mit dem Zeigefinger aus.
Herr Sonne sinkt schmallippig tiefer in seinen Stuhl.
"Herr Sonne, Sie sind doch der Kanzlermacher. Können Sie nich ma ne ernste Frage...? Oder soll isch Sie wat fragen?" Herr Sonne deutet ein Kopfschütteln an.
Ein bewegter Mann vom Schwulenmagazin erhebt sich: Ob die HSP einen offen schwulen Minister oder eine offen lesbische Ministerin mit im Boot habe? Schlämmer grunzt und fährt den Überbiss aus: "Politisch finde isch Homosexualität absolut okay - nur" - er windet sich - "privat find isch dat wiiiderlisch, ehrlich jesat." Verhaltenes Kichern, vereinzelte schrille Schreie und erschrockene "Ohohos" im Saal.
Die türkische Presse stellt die Migrantenfrage: "Auf jeden Fall, ja!", Schlämmers Perücke wippt wild, "Integration ist das A und O, dat sagen alle".
"Herr Sonne?" Nein, der ARD-Mann ist immer noch nicht bereit.
Also wandert das Mikro zur Dame von RTL-Exklusiv. "Hach, Sie sind bestimmt so ne Wühlmaus", befürchtet Schlämmer und wird sogleich bestätigt, als die exklusive Journalistin nach seinem Privatleben fragt: "Gibt es da irgendwelche dunklen Flecken in Ihrer Vergangenheit? Zum Beispiel Frauen?" Schlämmer schüttelt den Kopf: "Mein lieber Hase, ja, isch würd jetz aber die Frauen nicht als dunkle Flecken bezeischnen!"
Auch diese Pressekonferenz hat ihre Längen. Etwa, wenn das Schattenpersonal zu Wort kommt. An Schlämmers Seite sitzen seine First Lady, die schulterfreie, dicklippige Darstellerin Alexandra Kamp, ein Italiener, den niemand verstehen kann, Kneipenwirt Günni und ein Praktikant namens Ulle Polle, TV-Allessehern bekannt als Spaßmacher Simon Gosejohann.
Und viele spaßige Fragen müssen gestellt werden: "Ich habe gehört, Sie seien mit Hape Kerkeling verwandt, hihi?" Entsprechend mau fällt da die Antwort aus: "Wat? mit der Hackfresse?" Die Nächste, bitte: "Kann ich mich bei Ihnen als Praktikantin bewerben?" Schlämmer nennt eine Zimmernummer im Ritz, "hähä." Da hat Herr Sonne allen Grund, sich noch tiefer wegzuducken.
Endlich wird es wieder politisch, sogar wirtschaftspolitisch. Schlämmers Krisenmotto lautet: "Durschfummeln." Wirtschaftsminister in seinem Kabinett werde "einer von den anderen, am besten ein Linker. Wenn es dann nicht klappt, und es klappt ja sowieso nicht: Dann, sorry Freunde, isch war dat nit".
Bleibt noch zu klären, wohin die erste Auslandsreise des Schlämmer-Kanzlers ginge: Nach Obama? Nee. Sarkozy: Auch nich. Lieber will Schlämmer lecker Mittagessen bei Königin Beatrix, "da is man von Grevenbroich in eineinhalb Stunden, und abends wieder zurück. Wissen Se, isch schlaf gern zuhause."