Er hat sich selbst in die Diskussion gebracht. Klaus von Dohnanyi, sagt der 82-Jährige steht bereit, Thilo Sarrazin vor der Schiedskommission zu verteidigen, „wenn die SPD ihn ausschließend will“. Seit 53 Jahren gehört Dohnanyi dieser SPD an. Der frühere Erste Bürgermeister Hamburgs findet, in der Partei muss auch Platz sein für Leute wie Thilo Sarrazin. „Der treueste Parteianhänger ist derjenige“, sagte Dohnanyi mal in einem Interview, „der der Partei die Wahrheit sagt.“
Klaus von Dohnanyi gehört zu jener Clique älterer Herren, die sich aufgrund ihrer Verdienste und ihres Selbstbewusstseins eine beneidenswerte Distanz zur eigenen Partei bewahrt haben, ihr in schöner Regelmäßigkeit die „Wahrheit“ sagen und zugleich ganz gut damit und davon leben, in der Öffentlichkeit Positionen einzunehmen, die eben nicht der Mehrheitsmeinung in der Partei entsprechen. Was Heiner Geißler oder Kurt Biedenkopf für die Union, ist Dohnanyi für die SPD.
„Es macht natürlich Spaß, wenn man merkt, dass Leute wahrnehmen, dass man vernünftige Arbeit macht“, hat der konservative Sozialdemokrat einmal geäußert, „aber das Wort eitel würde ich nicht für mich verwenden.“ Dohnanyis öffentliches Auftreten auf Eitelkeit zu beschränken, würde ihm nicht gerecht werden.
Verständnis für Sarrazin
Noch als 82-Jähriger kann sich der Jurist und Politiker über einen Mangel an Arbeit nicht beschweren. Für Kanzlerin Angela Merkel (CDU) wacht er über die Mindestlöhne, in der Atlantikbrücke wirbt er für die Beziehungen zu den USA, als früherer Treuhand-Vorstand engagiert er sich für die innere Einheit und als elder statesman für ganz Deutschland. „Ich kann nicht loslassen, irgendeinen Beitrag zu leisten zu der Entwicklung in unserem Land“, gestand er unlängst ein.
In aktuellen Äußerungen lässt Dohnanyi Verständnis für die Thesen Sarrazins erkennen, wenn sie ihm auch etwas zu reißerisch und radikal daherkommen. Doch Dohnanyi, dessen Vater Hans im April 1945 im Konzentrationslager Sachsenhausen ermordet worden ist, wirbt dafür, endlich Debatten zu führen, „die bei anderen Völkern gang und gäbe sind“.
Die SPD kenne Sarrazin doch als „nervigen Kollegen, mit Parteiraison schwer zu bremsen, aber auch als loyalen und demokratischen Genossen“. Dessen umstrittenes Buch nennt Dohnanyi „faktenreich“, die „biologischen Argumente“, die der Ökonom Sarrazin anführe, seien nicht ganz falsch. Jedenfalls würde Sarrazin deswegen aus keiner europäischen Linkspartei ausgeschlossen, ist sich Klaus von Dohnanyi gewiss.
Der geschasste Bundesbank-Vorstand selbst wollte sich am Montag nicht recht freuen über die Schützenhilfe des altgedienten Sozialdemokraten. „Da rede ich erstmal mit Herr von Dohnanyi“, reagierte Sarrazin in Berlin vorsichtig auf die Frage, ob Dohnanyi ihn nun vertreten dürfe.