Eine Stadt im politischen Ausnahmezustand stellt man sich dann doch ein wenig anders vor. Und doch scheint dieser über Bad Homburg ausgerufen zu sein, seit am Sonntag Abend der als unabhängiger Kandidat angetretene Michael Korwisi zum ersten Oberbürgermeister der Grünen in Hessen gewählt wurde.
Ein Autokorso wie nach einem Fußballsieg Deutschlands. Kein Gang mehr durch die Fußgängerzone ohne Journalisten von weit her, die wissen wollen, wie das denn möglich war, ausgerechnet in dieser finanzkräftigen Speckgürtelkommune. Und ob das womöglich jetzt auch in anderen Städten so kommen könnte.
Die Antwort ist ein klares Jein. Der politische Paradigmenwechsel in der Kurstadt ist zum einen absolut hausgemacht. Jahrelang galt: Die CDU kann sich in der konservativ geprägten Kurstadt jedes Gerangel um Macht, Posten und Einfluss leisten, ohne dass sich das in nennenswerten Wählerreaktionen niederschlägt. Jetzt nicht mehr.
Die CDU hat ihre eigene Kandidatin durch einen Gegenkandidaten noch im Dezember schwer beschädigt. Das ist aber sicher nur einer der entscheidenden taktischen Fehler gewesen. Da mögen der Partei- und der Fraktionsvorsitzende den tollen Teamgeist im Wahlkampf heute noch so oft beschwören. Über personelle Konsequenzen muss die CDU deshalb zügig nachdenken, will sie nicht langfristig Schaden nehmen.
Die auch in die Öffentlichkeit gedrungene parteiinterne Kritik an der Amtsinhaberin Ursula Jungherr stimmte schließlich. Ja, sie hat es nicht verstanden, die eigene Politik überzeugend zu verkaufen. Nein, sie ist im Umgang mit Bürgerinitiativen nicht sehr geschickt gewesen.
Sie hat zu lang darauf beharrt, eine Förderschule für lernschwache Kinder zwischen ein Naturschutzgebiet und eine gediegenere Einfamilienhaus-Siedlung platzieren zu wollen. Als sie im Wahlkampf dann eine andere Lösung fand, warf man ihr taktieren vor. Sie machte sich damit unglaubwürdig.
Was aber Bad Homburg als Lehrstück auch für andere Kommunen tauglich macht, ist, wie wichtig es der souveräne Wähler nimmt, dass er ernst genommen wird. Als Persönlichkeit hat Michael Korwisi mit einem 700 Mann und Frau starken Unterstützerteam bewiesen, dass man über Parteigrenzen hinweg Menschen, vor allem auch junge Menschen, wieder für Kommunalpolitik interessieren und begeistern kann.
Er hat die Idee von einem Straßenwahlkampf ernst genommen. Wochenlang jedem Passanten zugehört, was ihn in der Stadt stört. Er hat interaktive Plattformen im Internet genutzt und zusammen mit seinem Team der Phantasie an die politische Macht verholfen. Wann sah man das letzte Mal - außerhalb von Faschingsumzügen - einen Traktor mit Anhänger und Riesenkonterfei durch die Straßen einer größeren Stadt fahren? Und damit witzig karikieren, dass die kleingeistige Bürokratie Din-A4 große Wahlplakate in Privatgärten verboten hatte.
Gefahrenabwehr heißt das in Bad Homburg.

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