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Kommentar: Der falsche Weg

Kranke müssen im Mittelpunkt stehen, nicht der Profit der Aktionäre. Von Jutta Rippegather

Jutta Rippegather ist Regionalredakteurin der Frankfurter Rundschau.
Jutta Rippegather ist Regionalredakteurin der Frankfurter Rundschau.
Foto: FR

Eine Universitätklinik ist keine Sanitätsstation auf dem flachen Land. Wer hier Hilfe sucht, ist oft schwer oder gar lebensgefährlich krank. Die Behandlung ist dementsprechend teuer. Gleichwohl muss das Aktienunternehmen Rhön Klinikum daran verdienen. Was dem Unternehmen nach eigener Darstellung auch gelingt.

Hessens Sozialministerin Silke Lautenschläger (CDU) sieht die Universitätskliniken Gießen-Marburg ebenfalls auf einem erfolgreichen Weg. Als Beleg führt sie die gestiegenen Patientenzahlen an. Dass mehr Menschen als im Vorjahr behandelt wurden, entspricht jedoch dem allgemeinen Trend. Es gibt immer mehr alte und kranke Menschen. Und: Im Extremfall könnte es sogar sein, dass diejenigen mehrfach gezählt werden, die zu schnell entlassen und dann wieder aufgenommen werden mussten.

Aus den Zahlen lässt sich erst recht nichts über die Qualität der Versorgung ablesen. Nach Beobachtung derer, die es wissen müssen, hat sie massiv gelitten. Eine Hausärztin sagt, dass viele Patienten in die Praxen zurückkehren, ohne ordentlich diagnostiziert worden zu sein. Pflegekräfte beklagen, dass sie Bettlägerige nicht mehr täglich waschen können, weil es an Personal mangelt. Und das sind keine Einzelfälle. Leider trauen sich nur wenige, die Missständen öffentlich anzuprangern.

Nach der Privatisierung sind die Verhältnisse auf den Marburger Lahnbergen und in Gießen schlechter geworden. Mehrfach haben Ärzte und Pflegepersonal ihren Arbeitgeber erfolglos auf die Folgen des Personalabbaus hingewiesen. Erst im Januar schrieben Beschäftigte des Standorts Gießen einen Brandbrief an die Geschäftsführung: Patienten lägen stundenlang im eigenen Wundsekret, abgelaufene Medikamente würden auf Anordnung weiter benutzt.

Der Betriebsrat beschwichtigte. Der Personalabbau und die Ausgliederungen gingen weiter. Sicher: Alle Krankenhäuser haben mit viel zu knappen Budgets zu kämpfen. Alle haben in der Vergangenheit am Personal gespart. Doch aus keiner anderen hessischen Klinik sind so drastische Schilderungen zu hören. Hier muss dringend etwas geschehen.

Die Versorgung Schwerstkranker ist eine öffentliche Aufgabe. Das Gesundheitswesen ist kein Markt, auf dem die Nachfrage das Angebot bestimmt. Kranke und Pflegebedürftige haben nicht die freie Wahl, können sich kein anderes Krankenhaus nach eigenem Gusto zu suchen. Sie müssen bei der Behandlung im Mittelpunkt stehen. Nicht der Profit der Aktionäre.

Die Privatisierung der Universitätskliniken in Mittelhessen war der falsche Weg. Sie zurückzukaufen, wie es die Linke im Landtag fordert, ist vermutlich unbezahlbar. Jetzt kann nur noch Druck auf das Unternehmen Rhön-Klinikum weiter helfen - bevor der Ruf der beiden Häuser völlig ruiniert ist.

Was derzeit in Gießen und Marburg geschieht, muss Privatisierungs-Anhängern eine Lehre sein: Die Interessen der Allgemeinheit dürfen trotz Finanznot nicht aus dem Blick geraten. Hände weg von den Unikliniken.

Autor:  JUTTA RIPPEGATHER
Datum:  17 | 9 | 2008
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