Wer vor vier Wochen darauf gewettet hätte, dass Michael Korwisi die Wahl so haushoch gewinnt, der hätte heute wohl eine satte Gewinnquote eingestrichen. Und während die Berichterstatter noch darüber sinnieren, ob sie den üblichen "Erdrutschsieg" als Metapher bemühen oder lieber von "Tornado", "Erdbeben" oder "Tsunami" schreiben, prägen ganz stille, menschliche Erschütterungen die Szenerie des Abends. Kaum einer kann es so richtig fassen, was da gerade geschehen ist.
Seit dem überraschenden Ergebnis des ersten Wahlgangs vor zwei Wochen ist deutlich geworden, dass der Souverän eben nicht nur in politischen Sonntagsreden so genannt wird, sondern genau dies eben ist - souverän. Und mit dieser Souveränität haben knapp 60 Prozent der Wähler, deutlich gemacht, dass nicht mehr gilt, was 61 Jahre lang galt: Die CDU kann sich selbst in der vorwiegend konservativ geprägten Kurstadt nicht mehr jedes Gerangel um Macht, Posten und Einfluss leisten, ohne dass sich das in nennenswerten Wählerreaktionen niederschlägt.
Alles zur OB-Stichwahl in Bad Homburg im Spezial
Die öffentliche Demontage der eigenen OB durch einen CDU-Gegenkandidaten noch im Dezember ist dabei sicher nur einer der entscheidenden taktischen Fehler gewesen. Da mögen der Partei- und der Fraktionsvorsitzende den tollen Teamgeist im Wahlkampf noch so oft beschwören.
Ein zweiter Aspekt ist, dass die CDU-interne Kritik an Jungherr auch stimmt. Ja, sie hat es nicht verstanden, die eigene Politik überzeugend zu verkaufen. Nein, sie ist im Umgang mit Bürgerinitiativen nicht sehr geschickt gewesen. Das Umschwenken in Sachen Pestalozzischule konnte dann nur noch als Wahlkampftaktik verstanden werden.
Das wäre das eine Erklärungsmodell.
Das andere aber nimmt den Begriff der Persönlichkeitswahl des Oberbürgermeisters ernst. Und als Persönlichkeit hat Michael Korwisi bewiesen, wie man politische Enttäuschung überwindet und in Kreativität umsetzt. Der trotz anderslautender Zusage von der Koalition vor zwei Jahren geschasste Ex-Stadtrat hat sich nicht verbittert zurückgezogen, sondern intensiv darüber nachgedacht, wie man Menschen wieder für Kommunalpolitik begeistern kann. Hat interaktive Plattformen im Internet genutzt. Hat versucht, den parteipolitischen Streit durch eine unabhängige Kandidatur außen vor zu lassen. Hat nicht Broschüren und Kugelschreiber verteilt, sondern intensiv zugehört, bevor er mit verschenkten Gartenpflanzen ein Lächeln auf die Gesichter von Passanten in der Louisenstraße zauberte. Nun wird er beweisen müssen, dass er noch mehr kann. Mit einem Erdbeben zu beginnen und sich dann ganz langsam zu steigern, riet einst ein bekannter Regisseur.

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