Ein Jahr nach der Räumung des Hüttendorfs halten Flughafenausbaugegner im Kelsterbacher Wald Mahnwache. Zum Prozessbeginn gegen eine Aktivistin gibt es wieder eine Demo. Von Frank Schuster
Durchhalten an der Mahnwache: Flughafenausbaugegner kampieren in Bauwagen bei Kelsterbach.
Foto: Andreas Arnold
Durchhalten an der Mahnwache: Flughafenausbaugegner kampieren in Bauwagen bei Kelsterbach.
Foto: Andreas Arnold
Wie die Bilder sich gleichen: Fast auf den Tag genau ein Jahr, nachdem die Polizei das Hüttendorf der Besetzer im Kelsterbacher Wald räumte, leert sie den Saal des Amtsgerichts Rüsselsheim. Etwa 40 Aktivisten gegen den Ausbau des Frankfurter Flughafens sind am gestrigen Mittwoch dorthin gekommen, um mit Trillerpfeifen, Zwischenrufen und Konfetti-Regen die Verhandlung gegen eine 27-jährige Ausbaugegnerin zu stören.
Richterin Inge Kösters-Staples weiß schließlich keinen anderen Ausweg mehr und ruft die Beamten herbei. Unter Rufen wie "Willkür!", "Befangenheit!" und "Dies ist ein öffentliches Verfahren!" werden sie nach draußen geleitet - zum Teil getragen. Zuvor schon hatten sie sich beklagt, dass es am Eingang Ausweiskontrollen gab, dass Besucher mit politischen Botschaften auf T-Shirts ("Stop Airport Expansion") abgewiesen wurden und dass nur etwa 15 Besucher in den engen Saal passen. "Wir fordern einen größeren Saal!", riefen sie. Oder: "Das ist ein politischer Prozess!"
Der 27-jährigen Angeklagten, die mit ihrer Rastalockenfrisur hinter einem über und über mit Aufklebern ("Atomkraft - nein Danke!") beklebten Laptop sitzt, wird Hausfriedensbruch in drei Fällen vorgeworfen. Sie steht wegen des Aufenthalts in dem Widerstandsdorf und wegen zweier Baumbesetzungen vor Gericht. Am Tag der Räumung, so der Darmstädter Staatsanwalt Michael Pehle, soll sie sich festgekettet haben.
Der arbeitslosen Buchhändlerin drohen 600 Euro Geldstrafe. Kläger ist der Flughafenbetreiber Fraport. Den Vorwurf des Hausfriedensbruchs nennt die Angeklagte eine absurde Behauptung, weil der vorhandene Wald nicht Fraport, sondern noch der Stadt Kelsterbach gehöre. Zur Frankfurter Rundschau sagt der Staatsanwalt, durch eine "vorläufige Besitzeinweisung" sei aber Fraport Hausherr auf dem Gelände, wo seit einem Jahr an der neuen Nordwestlandebahn gearbeitet wird.
Besuch bei den Besetzern (Sommer 2008)
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Besuch bei den Besetzern (Sommer 2008)
Fünf Tage lang wollte die Stadt Kelsterbach das bunte Völkchen dulden - doch die blieben viel länger, schlugen ihre Zelte auf und bauten ausgeklügelte Baumhütten. Sogar Campkatze Gaia ging auf Mäusefang.
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Das Widerstandscamp wurde größer und bekam Unterstützung von Organisationen wie Robin Wood, von Bürgerinitiativen sowie von Umweltschützern aus der Region, aus Deutschland und sogar aus dem Ausland.
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Neun Monate trotzten ein bis mehrere Dutzend Aktivisten im Kelsterbacher Wald Unwetter, Frost, der Polizei und der Fraport. Bis zur Räumung im Februar.
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Baumaterial für die Hütten, Kleinholz für das Feuer. Camp-Aktivist Sascha Friebe sägt Holz.
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Woodstock-Feeling im Waldcamp: Eine Fantasiefahne und Jonglage, um gegen den Bau der geplanten Nordwestlandebahn des Frankfurter Flughafens zu prostestieren.
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In den bunten Zelten übernachteten manchmal ein, manchmal viele Dutzend Demonstranten.
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Die vielleicht bekannteste Aktivistin Cécile Lecomte - ihr Einsatz war durchaus artistisch.
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Das Bild der kopfunter über dem Waldboden hängenden Cécile ging durch die Medien.
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Cécile Leconte, artistisch schwingend über dem Zaun
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Bildungsbürgerlich: Fraport-Plakat auf Lateinisch, ein abgewandeltes, radikales Cato-Zitat.
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Aktivisten haben zwischen den noch stehenden Fichten ihre Zelte aufgeschlagen.
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Mit Musik geht alles besser - auch das Demonstrieren.
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Irgendwie ist ja alles Kunst: "Wahre Kunst kennt keinen Sinn"
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Das Waldcamp - manchmal auch ein großer Spielplatz
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Die Linkspartei im Landtag stellte im Waldcamp eine Hütte auf - das war politisch höchst umstritten. Die Hütte wurde schließlich entfernt.
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Ein leicht verfremdete Wegweiser, einst für einsam im Walde Wandernde aufgestellt
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Mit Farbe haben Landebahngegner am Rande des Waldcamps Bäume markiert, die gefällt werden sollen.
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"Töte mich nicht": Graffiti auf einem Eichbaum.
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Umweltschützer kritisieren, die geplante Nordwestlandebahn liege mitten im Weg großer Zugvogelschwärme.
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Fünf Tage vor der Räumung im Februar 2009 wurde das Camp verkleinert und der Zaun verschoben.
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Einige Demonstranten verschanzen sich auf Bäumen, um die Rodung zu verhindern.
Foto: Diana Djeddi
Mit der Hebebühne werden Polizisten in die Baumwipfel gehoben, um Demonstranten auf die Erde zurückzuholen.
Foto: Diana Djeddi
Mit Clownsnase auf dem Zaun
Foto: Diana Djeddi
Eine Demonstrantin verbrennt den Bescheid über den Beginn der Rodungsarbeiten.
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Von einer Hebebühne aus verhandelt ein Sondereinsatzkommando der Polizei mit einem Umweltaktivisten in dessen Baumhaus.
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Am 18. Februar 2009 wird das Waldcamp endgültig geräumt. Hier Polizisten beim Räumen von Hütten.
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Begleitet von Polizisten verlässt dieser Demonstrant das geräumte Camp mit seinen Habseligkeiten.
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Ein Demonstrant hat sich in einem Erdbunker angekettet - hier graben ihn Polizisten aus.
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Das neue Waldcamp: Bis heute leben um die 15 Frauen und Männer im Wald, keinen halben Kilometer von der abgeholzten Wüstenei entfernt.
Foto: Michael Schick
Heute ist die Fläche für die Landebahn abgeholzt, die Vorbereitungen für den Bau sind weit fortgeschritten.
Foto: Diana Djeddi
Vor einem Jahr, am 28. Mai 2008, besetzte eine Gruppe von Flughafenausbaugegnern ein Stück des Kelsterbacher Waldes - zu den Besetzern gesellten sich bald hunderte von Menschen.
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Andreas Arnold
Fotostrecken Frankfurt
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Baustelle Landebahn Nordwest (Sommer 2010)
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Baustelle Landebahn Nordwest (Sommer 2010)
Wer genau hinschaut, findet noch Spuren der heftigen Proteste gegen den Flughafenausbau. Auf einem Straßenschild hat ein Demonstrant seine Meinung verewigt: "Nix Rodung". Doch Rodung, beweist die Baustelle im Hintergrund.
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Neben einem Bagger wird noch vor dem Eichenprozessionsspinner gewarnt. Doch die Raupe des Nachtfalters findet hier keine Eichen mehr, die sie schädigen könnte.
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Nun, da der Bau der Landebahn Nordwest in vollem Gange ist, wird hier kein Hundebesitzer sein Tier mehr von der Leine lassen. Auch dieses Schild gehört zu den Relikten aus der Zeit, zu der hier noch ein Wald stand.
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Rund 2,5 Millionen Kubikmeter Erde werden auf der 220 Hektar großen Baustelle bewegt.
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Die Anrainer hatten lange gegen die steigende Lärmbelästigung gekämpft. Das hier abgebildete Ticona Chemiewerk wird an einen neuen Standort ziehen.
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Rückblick: Die Fläche, auf der sich einst der Kelsterbacher Wald erstrecke, ist Anfang 2010 ratzekahl. Anstelle der Bäume steht hier die seinerzeit größte Baustelle Deutschlands.
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Die Angeklagte stellt, nachdem der Saal geräumt ist und die Verhandlung nur noch in Anwesenheit von Pressevertretern fortgeführt wird, fünf verschiedene Anträge gegen die Weiterführung des Prozesses. Die meisten davon werfen der Richterin Befangenheit vor, unter anderem wegen der Räumung des Saales. Zudem fordert die Angeklagte einen Pflichtverteidiger und Akteneinsicht. Der Staatsanwalt lehnt alle Anträge ab.
Zu einem Urteil kommt es am Mittwoch nicht, weil der Staatsanwalt und die Richterin die Verhandlung auf unbestimmte Zeit aussetzen. Grund: Die mobilisierten Aktivisten stören die Verhandlung von draußen weiter. Sie klopfen an die Scheiben, spielen vor dem Fenster Gitarre oder machen Radau auf dem Flur. "Jedes Nichtverstehen eines Wortes vor Gericht kann Folgen haben", sagt der Staatsanwalt.
Unterdessen fordert das Bündnis der Bürgerinitiativen (BBI) gegen den Flughafenausbau im Rhein-Main-Gebiet die Einstellung aller Verfahren gegen Ausbaugegner. Derzeit laufen noch welche gegen mindestens fünf weitere Personen. Gegen mehrere Demonstranten seien bisher schon Verfahrenskosten von rund 5000 Euro verhängt worden.
Mit Aktionen, "die mehr oder weniger symbolischen Charakter hatten", so erklärt das Bündnis, hätten die Aktivisten der Öffentlichkeit die Gefahren des Flughafenausbaus deutlich machen wollen.