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Konzertabend im Rheingau: Plapperei und Genie

Ein wirkungsvolles Konzept: Die Erzählung "Eine Sonate" von Hesse, dazu eine Violinsonate von Reger. Der Kontrast zwischen seelischer Einöde im Wort und genialischer Musik ist scharf. Von Judith von Sternburg

Die Geigerin Isabelle van Keulen gestaltete den Konzertabend auf Schloss Johannisberg musikalisch, der Schauspieler Stefan Hunstein mit Worten.
Die Geigerin Isabelle van Keulen gestaltete den Konzertabend auf Schloss Johannisberg musikalisch, der Schauspieler Stefan Hunstein mit Worten.
Foto: Ansgar Klosterman

In Hermann Hesses Erzählung "Eine Sonate" (1906) geht es um eine Frau, die sich ihren Mann irgendwie heldischer vorgestellt hatte. Nun sitzt sie nach ein paar Jahren Ehe da mit einem gemütlichen Tropf, der sie "Kleine" nennt. Heute Abend aber ist ihr Bruder zu Gast und spielt eine Klaviersonate von Max Reger. Versetzt dies die Frau in Märchenwelten & Gefühlswallungen, findet der Mann anschließend, dass Musik eben Geschmackssache sei. Auf Schloss Johannisberg beim Rheingau Musik Festival aber hatte auch das Publikum in der Zwischenzeit Gelegenheit, das Stück zu hören. Es dürfte sich um die Violinsonate Nr. 4 op. 72 handeln, die Reger 1903 schrieb. Isabelle van Keulen spielt die Violine und Rudolf Meister das Klavier, ihre Konzentration, Präzision, Fingerfertigkeit steht in einem nur scheinbaren Widerspruch zum Ausbruch der Musik. Es ist nicht auszudenken, wie diese einen emotional unterversorgten Menschen trifft, kühlen Blutes aber bahnt sich das Duo seinen Weg. Nach jedem Satz liest der Schauspieler Stefan Hunstein, alle Dumpfheit einer seelischen Einöde in Stimme und Geste, ein Stück weiter; nach der Erzählung noch Reger-Erinnerungen von Max Brod und Reger-Briefe. Ein äußerst wirkungsvolles Konzept. Der Kontrast zwischen dem Menschlichen-Allzumenschlichen im gesprochenen Wort und dem Genialischen in der Musik ist scharf: Ins Allzumenschliche geraten dabei auch der durchaus schwadronierende Komponist, der herrlich eitel verplapperte Autobiograf Brod und die ach so empfindende Sonaten-Hörerin (die sowieso). Die Töne aber gehören einer anderen Sphäre an, und mit ihr die Musiker. Sie sind die professionelle Ruhe selbst im von ihnen entfesselten Orkan. Das Auseinanderzupfen der Sätze zu Gunsten der Lesung kann ihnen nichts anhaben. Nichts kann ihnen etwas anhaben.

Autor:  Judith von Sternburg
Datum:  4 | 8 | 2009
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