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Leitartikel: Die wählerische Jugend

Dies ist kein Wahlkampf für die junge Generation. Schuld ist aber nicht ihr Desinteresse: Die Politik hat sie dazu erzogen, nichts von ihr zu erwarten. Von Steven Geyer

Steven Geyer ist Mitglied der Dumont-Redaktionsgemeinschaft.
Steven Geyer ist Mitglied der Dumont-Redaktionsgemeinschaft.
Foto: FR

Wer ernsthaft behauptet, die Parteien hätten sich im laufenden Wahlkampf redlich um junge Wähler bemüht, und als Beleg zum Beispiel ihre Online-Aktivitäten anführt, der möge Angela Merkels Auftritt im größten Studenten-Netzwerk StudiVZ anklicken - und für immer schweigen.

Denn so modern die Seite daherkommt, so kumpelig die Kanzlerin als "Angie" verkauft wird: Nach dem Techno-Intro des neuesten Videoclips verrät der jungdynamische Sprecher schnell, was der Jugend hier vorgeführt wird: "Angela Merkel in Rhöndorf bei Bonn am Grab von Konrad Adenauer." Willkommen im Jugendwahlkampf 2009, willkommen im Opa-Express.

Der Clip ist symptomatisch für den Umgang der Parteien mit der Jugend. Er zeigt, wie ignorant der Vorwurf des Polit-Establishments ist, "die Jugend" sei wahlweise zu angepasst oder verblödet, jedenfalls unpolitisch. Denn wer genau hinsieht, ahnt: Es liegt nicht an der Jugend, dass sie im Wahlkampf fehlte. Dass das bald zum Problem für alle Parteien wird, wissen die längst. Schon heute sind ihre Mitglieder zwischen 46,8 (Grüne) und 62,5 Jahre alt (Linke); schon heute stellen Unter-35-Jährige den größten Teil der Nichtwähler. Politik als Gammelfleischparty.

Verschärft wird das Problem, weil auch die Wählerschaft überaltert ist. Am Sonntag ist jeder dritte Wahlberechtigte älter als 60. Wenn die Parteien nun tunlichst vermeiden, diese Klientel zu verprellen, verlieren sie dafür die Jugend. Die klinkt sich aus dem politischen Prozess aus, und die wenigen Jungen, die wirklich oder wie am vergangenen Sonntag in U-18-Testwahlen abstimmen, geben SPD, Union und Grünen gleich viele Stimmen: je ein Fünftel, ohne Anspruch auf Wiederholung. Daraus wird keine Dauerbindung mehr. Den alten Parteien geht die Jugend aus. Sie wollten es ja nicht anders: In den 1990ern machten sie, von Schwarz-Gelb bis Rot-Grün, die heute 30-Jährigen durch die Ausweitung prekärer Jobs und gelockerten Kündigungsschutz zur Generation Praktikum, die von den Parteien nichts mehr zu erwarten hatte. Und auch im Wahlkampf 2009 kam die Jugend nur als Objekt vor: Was macht sie so gewalttätig? Wie machen wir sie fit für die Weltspitze? Wie kriegen wir sie dazu, Kinder zu bekommen? Die Politik, die derweil tatsächlich gemacht wurde, ging an der Jugend vorbei. Mit einer Rentengarantie lässt die sich auch dann nicht begeistern, wenn sie davon über Twitter erfährt.

Dabei engagieren sich Jugendliche sehr wohl: für konkrete Themen. Oft sind das wenige oder nur ein einziges Anliegen. Das aber ist ihnen umso wichtiger - so wichtig, wie es keine Partei nehmen kann, deren Aussagen jahrzehntelang so justiert wurden, dass mit ihnen möglichst viele Stimmen aus "der Mitte" abzugreifen sind. Das ist unvereinbar mit dem Wunsch der Jungen, klare Antworten für ihr Top-Thema zu bekommen. Wo die Parteien aber Profil zeigen, belohnen das die Jungen: etwa bei den Grünen, deren idealistisches Kernthema Jungwähler besonders anspricht.

Und als Ursula von der Leyen sich als familienpolitische Macherin inszenierte, ertappten sich junge Eltern dabei, entgegen ideologischen Vorlieben CDU zu wählen. Thema sticht Lager. Darum tobt sich der Nachwuchs, der keine Parteikarriere anpeilt, bei Attac aus, über Online-Petitionen oder in der Kirche. Oder er wählt aus dem Gefühl, er werde was sein Top-Thema angeht "von Laien regiert", eine neue Partei - wie 2009 die Internet-Lobby Die Piraten.

Die Jugend ist nicht wahlmüde, sondern wählerisch. Ideologische Verpflichtungen kennt sie nicht mehr: Wird sie nicht auf Augenhöhe angesprochen, bleibt sie daheim. Ohne schlechtes Gewissen. Nun können die Parteien nicht über Nacht aufbauen, was sie jahrzehntelang einstürzen ließen. Sie können aber dafür sorgen, dass der neue Wählertypus klar erkennt, wie jede einzelne Partei mit seinem Top-Thema umgeht. Auch Barack Obama lockte vorigen Sommer nicht nur mit Charisma Tausende junge Deutsche nach Berlin, sondern weil er eine gerechte, friedliche Welt versprach.

Die Parteien sollten die Entstehung eines Fünfparteiensystems nutzen, sich auf ihre Kernkompetenzen zu besinnen, wieder zugespitzter, weniger beliebig, mit konkreten Zielen gegeneinander anzutreten. Ein erster Schritt wäre, Koalitionen allein von der Durchsetzbarkeit dieser Kernthemen abhängig zu machen statt von imaginierten Lagern oder persönlichen Antipathien. Wer mit starren Koalitionsaussagen wahlkämpft, zeigt nicht nur der Jugend, dass Inhalte für ihn zweitrangig sind.

Autor:  Steven Geyer
Datum:  21 | 9 | 2009
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