Es geht verdammt schnell mit den Gipfeln. Erst die Finanzen retten, dann Afghanistan und die ganze Nato möglichst gleich mit - Barack Obama musste seinen Jumbo nicht mal volltanken, um vom einen historischen Ereignis zum nächsten zu fliegen. Und der erdgebundene Demonstrant dürfte es von London nach Straßburg ebenso pünktlich geschafft haben.
Wer weder zur exklusiven Gemeinschaft der Gipfelteilnehmer gehört noch zum engagierten Kern der aktiven Protestler, verfolgt die Rituale auf beiden Seiten in der Regel mit routinierter Distanz. Der eine wird die "drinnen" auf ihren Glamourfaktor überprüfen (Michelle und die Queen! Michelle und Carla!), die andere den unbeirrten Widerstand der Kapitalismuskritiker und Nato-Gegner mit stiller Sympathie verfolgen.
Was selten registriert wird, sind die Wechselwirkungen zwischen "drinnen" und "draußen", zwischen der Macht und ihren Kritikern. Beim Finanzgipfel in London haben sie sich - über alle Polizeiketten hinweg - so deutlich gezeigt wie vielleicht noch nie. Und beim Nato-Treffen könnte Ähnliches in geringerem Maß passieren.
Es ist nicht so, dass die Großkopfeten in den Londoner Tagungsräumen den Demonstranten in der City zugehört, sie gar nach ihrer Meinung gefragt hätten. Das nicht. Es ist auch nicht so, dass ganz klar wäre, welche Botschaft der Protest in diesen Zeiten an welchen Adressaten richtet.
Doch jenseits aller berechtigten Fragen darf festgehalten werden: Die G20-Staatschefs in London haben die Argumente, für die sie sich unzählige G-7- und G-8- und Weltbank-Tagungen lang einen Dreck interessierten, zu ihren eigenen gemacht. Sie haben, bildlich gesprochen, das Attac-Motto "Eine andere Welt ist möglich" so laut skandiert, dass man die originalen Kritiker des ungezügelten Kapitalismus schon fast nicht mehr hörte.
Klar, die Fortschritte in Richtung Finanzmarkt-Regulierung sind weniger aus freiwilliger Einsicht als aus der Not geboren - sonst wären sie viel früher gekommen und viel weiter gegangen. Allerdings würden die Basisbewegungen, die oppositionellen Wissenschaftler und unermüdlichen Kritiker sich selbst ein schlechtes Zeugnis ausstellen, wenn sie nun bei ihrer berechtigten Kritik an einfach stehenblieben.
Ähnliches gilt für die Nato. Sicher: Sie bleibt vorerst ein exklusives Bündnis mit der Neigung, die Interessen seiner Mitglieder als diejenigen der ganzen Welt auszugeben. Nicht übersehen sollte man aber solche zarten Pflänzlein richtiger Erkenntnis wie etwa die Stärkung der zivilen Komponente im Afghanistan-Konflikt. Auch sie mag mehr aus Not geboren sein als aus Erkenntnis. Aber auch hier gilt: Es ist kein Zufall, dass einiges klingt wie aus den Lehrbüchern der Kritiker abgeschrieben.
Wie gesagt, das alles hat nichts mit plötzlicher Sympathie der Gipfel-Politiker für echte Alternativen zu tun. Unbescheiden wären die Verfechter solcher Alternativen, wenn sie das glaubten. Zu bescheiden aber wären sie - und zudem dumm -, wenn sie die Wechselwirkung zwischen ihrem lauten oder leisen Protest und dem Handeln der Staatenlenker unterschätzten.
Es ist keine Übertreibung, zu behaupten: Ohne Protest - und ohne große Teile des Gedankenguts, das ihn trug - wären die politischen Fortschritte der vergangenen Monate nicht möglich gewesen. Nicht einmal sie.
Die Rolle der Kritiker an der bis dahin herrschenden Finanz- und Militärpolitik erweist sich nicht am kurzfristigen Erfolg dieser oder jener Demonstration. Nein, der Erfolg ist ein anderer: Die Vielzahl der Menschen und Gruppen, die sich in den vergangenen Jahren dem neoliberalen und militaristischen Mainstream widersetzten, haben die Möglichkeit, dass es auch anders geht, für das kollektive Gedächtnis unserer Gesellschaft(en) aufbewahrt. Den Alternativen haben sie Formen, Namen und Gesichter gegeben - teils utopische, teils totalitäre, aber zum großen Teil auch demokratische und realistische.
Auf vieles davon greifen die mächtigen Gipfel-Hopper nun zurück. Ob sie das aus Überzeugung tun oder nicht, spielt keine entscheidende Rolle. Eine Rolle spielt die Richtung, in die die realen Ergebnisse gehen. Und auch wer sie - mit guten Gründen - teils falsch und teils unzureichend findet, sollte aus der Vergangenheit lernen: Es kann sich auf lange Sicht sehr wohl lohnen, unermüdlich nach besseren Wegen zu suchen. Auch für die, die nicht mächtig sind. Und gerade dann, wenn sie fürchten müssen, nichts zu erreichen. Wir haben gesehen, dass das nicht so bleiben muss.